Die Trinkreife

Die Trinkreife

Uns werden oft Fragen gestellt wie »Was ist ein trinkreifer Wein?« Oder auch »Was bedeutet eigentlich Trinkreife?« Gerne auch »Woran erkenne ich eigentlich, ob ein Wein trinkreif ist?« Zeit also dieses Thema ein wenig unter die Lupe zu nehmen.

Reifepotential

Eine Bemerkung gleich vorweg. Die meisten Weine kommen fertig für den sofortigen oder alsbaldigen Genuss auf den Markt, also trinkreif. Wenn wir von Reifebedarf sprechen, oder darauf hinweisen, dass ein Wein ein großes Reifepotenzial hat, dann sprechen wir von einer Minderheit. Dass sich bei einem Anbieter sehr hochwertiger Weine wie Tesdorpf eine doch erhebliche Anzahl derartiger Weine im Sortiment befinden, liegt im hohen qualitativen Anspruch begründet, sollte aber über den Kern dieser Aussage nicht hinwegtäuschen.

Verbreitete Irrtümer zur Trinkreife

Auch Irrtümer gilt es vorab zu beseitigen. So trifft man immer wieder auf den Irrglauben, Trinkreife oder Reifepotential ließe sich an der Farbe des Weines ausmachen: je tiefer und dichter der Farbton, desto höher das Reife- und Lagerpotenzial. Das stimmt allerdings nicht. Nimmt man z.B. einen hochwertigen Burgunder, etwa einen Grand Cru, so ist die Farbe dank der Farbarmut des Pinot Noir eher blass und transparent, trotzdem können diese über Jahrzehnte hinweg reifen und ein Pinot Grigio beispielsweise, der sich im Regelfall nach 2 bis 3 Jahren von dieser Welt verabschiedet, kann zu diesem Zeitpunkt eine ähnlich goldene Farbe vorweisen, wie etwa ein edelsüßer Wein, dem noch ein langes Leben beschieden ist.

Zu den Irrtümern zählt auch, dass Wein grundsätzlich besser würde, wenn man ihm ausreichend Reifezeit spendiert. Nein, die Lagerung im Keller, also die Reife, macht aus einem schlechten keinen mittelmäßigen Wein und aus einem mittelmäßigen keinen guten. Die Zeit der Reife macht nur jene Weine besser, die auch entsprechende Anlagen mitbringen.

Wovon hängt die Trinkreife ab?

Was also lässt einen Wein reifen und seinem Besitzer zu einem späteren Zeitpunkt höchste Genussfreuden bescheren? Es sind verschiedene Faktoren und deren Zusammenspiel, die zur Trinkreife beitragen.

Die Rebsorte

Da wäre zum einen die Rebsorte mit ihren Anlagen. Ein guter Sauvignon Blanc oder Weißburgunder sind von Natur aus weniger für eine Langzeitlagerung geeignet als z.B. ein Riesling oder ein Chardonnay. Mit kellertechnischen Maßnahmen, wie dem Ausbau in neuen kleinen Eichenfässchen, lassen sich aber hier bemerkenswerte Korrekturen vornehmen. Natürlich gilt das auch für Rotweinsorten.

Ein Cabernet Sauvignon oder ein Nebbiolo bedürfen häufig einer Reifezeit. Ein Gamay aus dem Beaujolais eher nicht. Bei Weißwein wie bei Rotwein spielt für die Trinkreife oder die Möglichkeit zur Reifeentwicklung die Säure eine große Rolle – und eben nicht nur für den guten Geschmack. Mit ihrer antioxidativen Wirkung schützt die Säure den Wein und beschert ihm so die Möglichkeit, sein Potenzial zu entwickeln.

Die Tannine

Der nächste Punkt wären die Tannine beim Rotwein, die die Trinkreife ebenfalls beeinflussen. Auch diese wirken der Oxidation entgegen. Sollten diese in ihrer Jugend auch etwas hart und abweisend sein, so können sie durch die Reifezeit auch geschmeidiger und abgerundeter erscheinen, sofern sie nicht zu massiv vorhanden sind oder gar einen unreifen Charakter vorweisen. Hat ein Wein wenig Tannine, was bei Weißweinen die Regel ist, aber auch bei bestimmten Rotweinsorten vorkommt, so kann der Ausbau im Barrique Abhilfe schaffen. Hierbei nimmt der Wein nämlich auch Gerbstoffe aus dem Holz auf, mit denen man eine vergleichbare Wirkung erzielen kann. Das funktioniert natürlich nicht unbegrenzt, denn der Holzton könnte im Wein zu ruppig und dominant werden.

Der Alkoholgehalt

Ganz sicher trägt auch ein hoher Alkoholgehalt zum Schutz des Weines bei und beschert ihm eine Reifezeit. Allerdings massiv macht sich dies erst bei einem Alkoholgehalt von ca. 20 % an aufwärts bemerkbar. So werden seit mehreren 100 Jahren den Weinen von Jerez, dem Sherry, oder den Portweinen Alkohol zugesetzt, was sie früher für die lange Reise auf den Segelschiffen fit machte. Freunde der Moselweine werden jetzt einwenden: Wie aber kann es sein, dass ein Riesling Kabinett von der Mosel mit vielleicht 7 – 8 % Alkohol über ein teilweise ganz beträchtliches Reife- und Alterungspotenzial verfügt? Das liegt daran, dass diese häufig Restzucker beinhalten, der die Trinkreife beeinflusst. Zucker hat eine konservierende Wirkung, vor allen Dingen wirkt er dem zerstörerischen Tun mancher Mikroorganismen entgegen. Deshalb können edelsüße Weine wie hochwertige Sauternes oder Trockenbeerenauslesen über viele Jahrzehnte hinweg reifen.

Trinkreife und Komplexität

Das alles nützt aber wenig bis gar nichts, wenn der Wein nichts hat, das sich entwickeln soll und kann. Und da kommt die Komplexität ins Spiel. Denn die Vielschichtigkeit im Duft und im Geschmack, das ist ja letztendlich das, was sich neben abgerundeten Tanninen und einem reifen Säurenerv entwickeln soll. Hat ein Wein beispielsweise nur ein einziges Aroma, dann mag er gut in seiner Jugend zu trinken sein, allerdings ist eine Verbesserung durch Reifezeit nicht zu erwarten. Komplexe Weine hingegen können zusätzliche Aromen durch die Reife entwickeln und noch vielschichtiger werden. Es gibt auch große Weine, die in ihrer Jugend zwar großartige Anlagen zeigen, aber in ihrem aromatischen Profil noch verschlossen sind. Ihre ganze Pracht entfalten sie eben erst nach Jahren der Reife, vielleicht sogar erst nach vielen Jahren.

Zu guter Letzt sei noch angemerkt, dass es sich bei der Trinkreife um ein Zusammenspiel aller Komponenten handelt, das zu einem großen, komplexen Wein führt mit einem entsprechenden Reife- und Lagerpotenzial, jedes einzelne nur für sich eher nicht.