Generationswechsel im Rheinhessen

Generationswechsel im Rheinhessen

Die Geschichte der Generationen – viele Jahre sind vergangen und vieles hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in der deutschen Weinbauregion Rheinhessen durch den Generationswechsel in der Region verändert.

Wie’s mal war…

Es gab in Deutschland einmal Zeiten, da war die Weinwelt ganz einfach zweigeteilt. In jeder Region gab es vielleicht eine Handvoll erstklassiger Winzer, und eine Menge Winzerbetriebe und Genossenschaften, irgendwo angesiedelt zwischen schlicht und ordentlich. Doch diese Welt hat sich massiv gedreht – ganz zum Wohl des anspruchsvollen Weinfreunds. Am deutlichsten lässt sich dieser Wechsel an der Region Rheinhessens erklären. Was also ist passiert?

Deutschlands größte Weinbauregion war viele Jahrzehnte ein Hort von preiswerten Weinen, und nehmen wir auch ruhig einmal das Wort Billigweine in den Mund. Hier wuchsen auch aberwitzige Mengen an Trauben für die Herstellung sehr preiswerter Grundweine für die Herstellung äußerst preiswerter Schaumweine. Die kosteten dann im Regal vor den Zeiten des Euro zwischen DM 2,49 bis DM 3,99, oder so ähnlich.

Es war die Zeit als die besten Weinberge Rheinhessens mit Reben bepflanzt waren, die in allererster Linie die Aufgabe hatten, möglichst wenig Arbeit und keine Sorgen zu machen. Sie trieben spät aus um Frühjahrsfrösten und feuchtem Frühlingswetter zu entkommen und sie reiften schnell. Das machte dem Winzer natürlich Freude, da sie schon rechtzeitig vor einem kühlen und feuchten Herbst geerntet werden konnten, und das mit einem derart hohen Mostgewicht, dass Süße im Wein überhaupt kein Problem war. Das entsprach dem damaligen Geschmack- Die Namen dieser Rebsorten, die heute kaum noch jemand kennt, bzw. nicht mehr kennen will: Faberrebe, Siegerrebe oder Huxelrebe.

Innovation durch den Generationswechsel im Rheinhessen

Diese Welt hat sich komplett gedreht. Rheinhessen ist heute die vielleicht kreativste und innovativste Weinbauregion Europas. Möglich gemacht hat dies der Generationswechsel und ein radikales Umdenken. Viele Betriebe sind von den Eltern an den Nachwuchs übergeben worden, der allerdings völlig anders tickt. Generationswechsel ist das Stichwort. Viele Jungwinzer haben nicht nur ihr Weinbauexamen etwa in Geisenheim gemacht, sondern sich auch anschließend auf die Wanderschaft rund um den Globus gemacht. Viele haben Studienjahre oder Praktika in Burgund oder Bordeaux, aber eben auch in Australien, Neuseeland, Kalifornien oder Südafrika absolviert. Das dort erlernte setzen sie jetzt, angepasst an die Bedingungen der Region, um.

Generationswechsel Rheinhessen
Generationswechsel Rheinhessen

Neue Generation – alte Tradition

So werden die besten Lagen erforscht, Bodenstrukturen untersucht, und die Standorte für die jeweilige Rebsorte mit Bedacht ausgewählt. Die Erträge werden drastisch reduziert und die Trauben für die jeweiligen Weinstile sorgfältiger ausgewählt als je zuvor. Auch im Keller dieser „New Generation“ weht ein frischer Wind. Einerseits wird modernisiert und auf den neuesten Stand gebracht, andererseits werden traditionelle Methoden der Weinbereitung zunehmend reaktiviert. War die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts von der Arbeit mit Reinzuchthefen bestimmt, die den Winzern einen sicheren und kontrollierten Gärverlauf versprachen, so kehren jetzt viele Jungwinzer zur Arbeit mit Naturhefen aus dem eigenen Weinberg zurück. Die können tatsächlich individuellere Weine hervorbringen, entwickeln dafür aber mitunter ein Eigenleben und eine Eigendynamik, die des Winzers volle Aufmerksamkeit verlangen.

Auch die Themen nachhaltiger, ökologischer Weinbau, oder gar biodynamischer Weinbau spielen eine große Rolle. Die Zahl derer, die vom herkömmlichen und konventionellen Weinbau abwandern, wächst stetig – verbunden mit dem Klimawandel, der im Generationswechsel eine große Rolle spielt. Ob man es nun goutiert oder auch nicht, auch Natural Wine, Orange Wines oder Amphorenweine zieren heute das Portfolio manch eines Erzeugers.  

Transparenz im Generationswechsel

Und noch etwas hat sich drastisch verändert. Diese junge Winzergeneration hat über den Tellerrand geschaut und tut dies auch weiterhin. Waren früher viele Winzer auf sich selbst fixiert –sorry, natürlich nicht alle- so verkosten diese junge Generation ihre Weine, diskutieren sie, und man gibt sich gegenseitig Tipps. Dem anspruchsvollen Weinfreund soll es recht sein. Man ist heute vernetzt und tauscht sich aus, oder ist in gemeinsamen Marketingverbänden organisiert, die auch auf Verkostungstourneen gehen.

Weingüter im Generationswechsel

Generationswechsel Rheinhessen
v. R. n. L. Battenfeld-Spanier & Kühling-Gillot
Jochen Dreissigacker
Jochen Dreissigacker

Rheinhessen hat heute ein anderes Gesicht, dafür stehen Namen wie Keller, Battenfeld-Spanier oder Dreissigacker. Vor 30 Jahren kannte diese Namen niemand, heute werden sie ehrfürchtige neben den Granden des Deutschen Weinbaus genannt. Rheinhessen ist vielleicht das spektakulärste Beispiel des Wandels im Weinbau Deutschlands, hier war die Wende vielleicht geradezu dramatisch, aber natürlich lässt sich dieser Wandel auch in anderen Regionen beobachten, im Rheingau, in der Pfalz oder in Baden, um nur einige Beispiel zu nennen.