Rotspon – hanseatischer Traditionswein

Rotspon – hanseatischer Traditionswein

Schon früh hatte sich herausgestellt, dass der per Schiff von Frankreich über Nord- und Ostsee transportierte Wein durch die Seereise an Reife und mildem Geschmack gewann. Die weitere Zwischenlagerung im Seeklima von Lübeck wirkte zusätzlich auf die positive Entwicklung des Weines ein.

 

Von Friedrich dem Großen bis hin zu Thomas Mann

Als im Jahre 1806 Lübeck von den Franzosen besetzt war, bedienten sich die Soldaten ausgiebig in den Kellern, weil ihnen der »Rote« hier besser gefiel als zu Hause. Napoleon soll verwundert gefragt haben, wie ein französischer Wein aus Lübeck besser schmecken könne als in Frankreich selbst. Johann Matthäus Tesdorpf – zu der Zeit Bürgermeister der Stadt – ließ dem Kaiser einige Kisten seines Rotweins schicken und erhielt von Napoleon zwar keine Bezahlung, aber ein sehr höfliches Dankesbillet. Es ist zudem verbürgt, dass Friedrich der Große seinem Gast Voltaire zur Forelle den eigenen Potsdamer Wein und zum Hirsch Lüb’schen Rotwein aus dem Hause Tesdorpf einschenken ließ. Auch die Familie von Thomas Mann bestellte Rotspon bei Carl Tesdorpf.

Thomas Mann
Zu Lübeck geboren: der große deutsche Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955).

 

Rotspon und Wittspon

Sie stehen für die guten alten hanseatischen Traditionen dieser Stadt – der einstigen Königin der Hanse- und für die norddeutsche Lebensart, zu der auch der plattdeutsche Rot- und Wittspon mit ihrer Gemütlichkeit und Geschichte beitragen. Die Anfänge des Lübecker Weinhandels werden auf das 13. Jahrhundert zurückgeführt. Damals kamen die ersten Koggen der Hanse an die französische Westküste und brachten Bordeaux-Weine mit. Bedeutung gewann der Weinhandel jedoch erst 1530, als der Lübecker Kaufmann Thomas Bugenhagen der Überlieferung nach als erster begann, Rotwein in größeren Mengen einzuführen. Er soll seinen Lagermeister beauftragt haben, den Wein reifen zu lassen, „damit seine guten Eigenschaften sich voll entwickeln und der Wein nicht laut und heftig, sondern fröhlich und gesellig macht“.

Von 1530 an findet man erste Handelshäuser, die sich auf Wein spezialisierten. Im Jahre 1678 wird das älteste noch bestehende Weinhandelshaus Deutschlands von Peter Hinrich Tesdorpf mitbegründet. Seit dieser Zeit, und verstärkt vom 17. Jahrhundert an, wurde französischer Rotwein in Lübeck „veredelt“. Der Wein wird nach wie vor in Frankreich angebaut und nachdem er dort geerntet und gereift ist, wird er weiter nach Lübeck transportiert. Hier im milden Seeklima der Stadt, wird der Wein dann abgefüllt, ehe er in den Flaschen weiterreifen kann.

 

Peter Hinrich Tesdorpf (1648-1723)
Mitbegründer des Weinhandelshaus: Peter Hinrich Tesdorpf (1648-1723)

 

Ein plattdeutscher Name für Lübecks Rotweine: Rotspon

Alte Lübecker Weintradition findet ihren Ausdruck im bekannten Lübecker Rotspon. Rotspon ist Rotwein aus Frankreich, der seit alters her von Lübecker Weinkaufleuten mit Kennerschaft ausgewählt und auf Flaschen abgefüllt wird. Der plattdeutsche Name leitet sich von rot – für Rotwein – und spon für Span – dem Holzspan der Weinfässer – ab. Da früher auch in Lübeck vorwiegend „Platt“ gesprochen wurde, bürgerte sich hier der Begriff Rotspon für französische Rotweine ein.

 

Wittspon – Der weiße Bruder des Rotspons

Der Import von Rot- und Weißwein aus Frankreich ist seit je her Rückgrat des Lübecker und Tesdorpfer Weinhandels. Ältere Schiffsladelisten weisen zwar nur die Anzahl der gelieferten Weinfässer aus, doch spätestens seit Mitte des 17.Jahrhunderts werden Rot- und Weißweine getrennt aufgeführt, so dass sich auch Weißwein Importe schon für diese Zeit nachweisen lassen. Denn neben dem Handel mit Rotwein hatte der Import französischer Weißweine für Lübecks Weinkaufleute ebenso schon früh große Bedeutung. So gebührt auch dem Weißwein eine dem Rotspon entsprechende historische Würdigung. Die Jahrhunderte alte Weißweintradition spiegelt sich – typisch Lübecker Art –  im Begriff Wittspon wider, der durch seinen plattdeutschen Namen mit dem Rotspon verwandt und verbunden ist. Witt steht für Weiß(wein) und spon für den Holzspan der Weinfässer. Der Wittspon aus Lübeck ist ein französischer Weißwein, der – wie Rotspon – nach altem Brauch vom Hause Tesdorpf ausgewählt, und in Lübeck auf Flaschen gezogen wird.

 

1806: Ein denkwürdiges Jahr für Lübeck

Im Jahre 1806 (zur Zeit Napoleons) wurde Lübeck von französischen Truppen erstürmt, und die Stadt musste vom damaligen Bürgermeister –Johann Matthäus Tesdorpf- übergeben werden. Bei der anschließenden dreitägigen Plünderung fanden die gut gefüllten Rot- und Weißweinlager der Lübecker Weinkaufleute (darunter auch die des Weinhauses Tesdorpf) natürlich ganz besonderes Interesse: Fässer wurden zerschlagen und der Wein floss in Strömen durch die Keller und durch die Kehlen der marodierenden Soldaten. Bei dieser Gelegenheit sollen die Franzosen festgestellt haben, dass der vertraute französische Wein hier besser schmeckte als zu Hause! Diese Anerkennung – wenn auch unter solch traurigen Umständen – erfüllte die Lübecker Kaufleute seither mit Stolz. Die sorgfältige Auswahl und Lagerung bürgte eben schon damals für hohe Qualität in Lübecks Weinkellern. Das hiesige Seeklima mag dabei einen günstigen Einfluss auf die Lagerung gehabt haben.

Man wollte der Sache später auf den Grund gehen. In Bordeaux wurden die gleichen Weine in mehrere Fässer abgefüllt. Einige blieben in Bordeaux, andere wurden nach Lübeck gebracht und dort eingelagert. Nach einer angemessenen Zeit der Reife und Lagerung ergab eine Weinprobe, dass die französischen Offiziere sich nicht geirrt hatten. Eine Erklärung dafür gibt es allerdings bis heute nicht. Man kann nur vermuten, dass das Lübecker Klima und damit die Temperatur in den Lübecker Weinkellern dem Bordeaux besser bekommt.