Roero
Als fast ausgestorben galt die weiße Rebsorte Arneis gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Das Engagement einiger engagierter Winzer im Piemonteser Anbaugebiet Roero war dann aber der Beginn eines kometenhaften Aufstiegs.
Das Anbaugebiet Roero
„Roero Arneis“ ist für viele Weinfreunde heute ein untrennbar zusammenhängender Begriff. Das sich dieser Begriff eigentlich aus zwei unterschiedlichen Teilen zusammensetzt, ist den meisten angesichts der sagenhaften Erfolgsgeschichte des so bezeichneten, qualitativ hochwertigen Weißweins nicht klar. Dabei beschreibt die erste Hälfte des Begriffspaares ein Anbaugebiet im Piemont, in dem durchaus auch andere Rebsorten kultiviert werden – vor allem Nebbiolo. Die zweite Hälfte ist dann der Name einer alten, autochthonen weißen Rebsorte – die ihrerseits inzwischen durchaus auch in anderen italienischen Anbaugebieten zu finden ist.
Arneis – ein Phoenix aus der Asche
In den 1960er Jahren galt die Sorte als fast ausgestorben, in den 1970er Jahren wies die Statistik für die Arneis gerade etwas mehr als 50 Hektar aus. Es war vor allem der legendäre Winzer Bruno Giacosa, der die bis dahin meist restsüß ausgebauten Sorte, zuvor oft zum Passito vinifiziert, sortenrein und trocken auf die Flasche zog und damit eine steil verlaufene Trendwende einleitete. Die brachte Wein und Gebiet in den 1980ern erst den Status einer DOC und im Jahr 2004 schließlich gar den einer DOCG und sorgte zudem für das Anwachsen der Anbaufläche in Italien auf über 1.100 Hektar, davon 970 in Roero. Tendenz bis heute steigend.
Die „kleine Schwierige“
Und das geschieht, obwohl die Übersetzung des aus dem Piemonteser Dialekt stammenden Namens – „die kleine Schwierige“ – dem Winzer alles andere als sorglose Erträge verheißt. Was möglicherweise vor allem auf der Tatsache beruht, dass die Arneis zwar einerseits recht wuchskräftig und zudem früh reifend ist, angesichts dessen aber nicht sonderlich ertragreich. Dass sich die alte, schon im 15. Jahrhundert erstmals erwähnte Sorte heute wieder so großer Beliebtheit erfreut, verdankt sie vor allem ihrem hocharomatischen und duftigen Auftritt. Der vereint nussige Töne – insbesondere Hasel oder auch Mandel – mit Aromen von grünen Früchten wie Apfel, Birne und junger Melone. Florale weiße Blütentöne komplettieren die komplexe Aromatik. Ein weiteres Wesensmerkmal der Arneis ist ihre kräftige, körperreiche Art bei meist ausgesprochen moderater Säure.
Die Mindestvorgaben der DOCG Roero Arneis (weiß) beziehungsweise Roero (rot):
- Roero Arneis: 100 % Arneis, Mindestalkoholgehalt 11 %
- Roero Arneis Spumante: 100 % Arneis, Mindestalkoholgehalt 11,5 %
- Roero: 92-95 % Nebbiolo, bis zu 5 % Arneis. Mindestalkoholgehalt 12,5 %, Mindestreifezeit 20 Monate, davon 6 im Holzfass
- Roero Riserva: 92-95 % Nebbiolo, bis zu 5 % Arneis. Mindestalkoholgehalt 12,5 %, Mindestreifezeit 32 Monate, davon 6 im Holzfass
Weißer Wein – mit blaublütigem Namen
Das Anbaugebiet Roero trägt seinen Namen nach dem alten Adelsgeschlecht, dass die Region in der Provinz Cueno jahrhundertelang beherrscht hat. Es wird begrenzt von der Po-Ebene einerseits und dem sich im Osten anschließenden Hügeln der Langhe und liegt zwischen den drei Flüssen Tanaro, Stura di Tramonte und Maira.
Der weiße Roero Arneis ist zu einhundert Prozent sortenrein – im Gegensatz zum roten Roero, der zwar auch zu 95 bis 98 Prozent aus einer Rebsorte, namentlich Nebbiolo, besteht, aber zwischen 2 und 5 Prozent Arneis enthalten darf. Was der alten Tradition in der Region geschuldet ist, zwischen die hochwertigen Nebbiolo-Stöcke vereinzelt Arneis-Reben zu setzen. Und zwar weniger um dem so produzierten Wein mehr Finesse oder eine hellere Farbe zu verleihen als vielmehr als eine Art „Opfer-Rebstock“. Denn da die Arneis deutlich früher reif ist – und ihre Früchte damit auch süßer – sind deren Trauben im Weinberg für Vögel attraktiver und werden bevorzugt gefressen. Vermutlich beruht auch das schmeichelhafte Arneis-Synonym „Nebbiolo Bianco“ auf dieser nachbarschaftlichen Tradition und ist kein Ausdruck der besonderen qualitativen Wertschätzung gewesen. Denn die hat sich erst in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt.
Die Geologie der Region Roero ist von auf Sandstein-Sedimenten basierendem Mergel geprägt. Tonige und sandige Flächen ergänzen die Bodenstruktur. Ein kleinerer Anteil Kalkstein hilft bei der ausreichenden – aber eben nicht überbordenden – Säureentwicklung. Die Weingärten liegen hier auch etwas tiefer als in der Langhe, was die Weine insgesamt etwas früher reifen lässt und insgesamt zugänglicher und weicher macht.