Winzerinnen in der Weinwelt – Wenn Wein zur Frauensache wird

Winzerinnen in der Weinwelt – Wenn Wein zur Frauensache wird

Die Witwen der Champagne

Es ist noch nicht allzu lange her, da war der Weinbau eine reine Männerdomaine. Nur in wenigen Ausnahmefällen führten Frauen Weingüter. Interessanterweise waren es auffällig viele Frauen in der Champagne, deren Männer früh verstorben oder im Krieg geblieben waren, welche die Geschicke der Weingüter in ihre Hände nahmen – und zwar sehr erfolgreich. Wer kennt nicht den Namen der Veuve Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin? Berühmt geworden ist sie, doch hatte die damals 27-Jährige es keinesfalls leicht, als sie 1805 als erste Frau ein Champagnerhaus übernahm. Nicht nur gab es jede Menge Vorbehalte männlicher Kollegen, sondern es war normalerweise schlichtweg nicht erlaubt, dass Frauen Geschäfte führten oder gar Bankkonten eröffneten. Es gab lediglich die eine Ausnahme: Die Frau musste Witwe sein. Barbe-Nicole aber zeigte es ihren männlichen Kollegen. Sie baute das Haus unter dem Namen Veuve Clicquot-Ponsardin innerhalb ihrer 60 Schaffensjahre zur bedeutendsten Champagner-Marke auf, entwarf neue Flaschenformen, versah die Flaschen erstmals mit dem Etikett in jenem Orange-Ton, der bis heute das Haus prägt, und brachte den ersten Rosé-Champagner auf den Markt. Außerdem entwickelte sie mit der remuage und dem gorgement zwei der wichtigsten Schritte bei der Champagner-Herstellung.

 

Louise Pommery übernahm das Haus Pommery & Greno 1860 und brachte den ersten Brut-Champagner heraus, der damals das Trinkverhalten revolutionierte und heute der Standard-Champagner mit bis zu 12 Gramm Restsüße ist. Damals waren es oft noch 150 bis 200 Gramm. Ähnlich bekannt ist übrigens Mathilde-Emilie Perrier, die 1887 ins Geschäft einstieg und die Erste war, die zwei Häuser der Champagne fusionierte, und zwar unter dem Namen Vve Laurent-Perrier.

 

Auch heute führen Witwen große Häuser in der Champagne, Carol Duval-Leroy zum Beispiel, die den Namenszusatz Veuve zwischenzeitlich entfernt hat, aber dem Haus durchaus einen femininen Touch verliehen hat. Immerhin heißt die Spitzencuvée Femme de Champagne, und zusätzlich gibt es die Fleur de Champagne.

 

Man musste Avantgarde sein

Der Erfolg der Witwen der Champagne führte allerdings keineswegs zu einem Umdenken in der Branche. Auch wenn es immer wieder Frauen als Winzerinnen oder Leiterinnen eines Weinguts gab, blieben sie die großen Ausnahmen bis in die 1980er-Jahre. Der langsame Wandel kam durch Winzerinnen, die sehr vieles anders und besser machten als ihre männlichen Kollegen. Das Paradebeispiel dafür dürfte die Italienerin Elisabetta Foradori sein. Sie musste durch den frühen Tod ihres Vaters schon in jungen Jahren ins Weingut und übernahm es 1985. In Frankreich hatte sie verschiedene Arten von Erziehungssystemen im Weinberg kennengelernt, die sich fundamental von denen im Trentino unterschieden. Außerdem wurde ihr im Nachbarland bewusst, wie wichtig Ertragsreduktion bei ertragreichen Sorten sein konnte, etwa bei der Teroldego-Rebe. Was sie im Weinberg tat, erntete zunächst lediglich Kopfschütteln bei ihren männlichen Kollegen, die aus dem Teroldego einen leichten, oft auch restsüßen Wein kelterten. Elisabetta erfand im Alleingang die Trentiner Sorte Teroldego neu und machte aus ihr einen der besten Weine Italiens. 1986 wurde der erste Granato gefüllt, 1991 aber der ihrer Meinung nach erste wirklich gute Granato. Und der stieg dann auch in die Riege italienischer Spitzenweine auf. Das schaffte übrigens auch Elisabetta Geppetti. Sie beendete Anfang der 1980er vorzeitig ihr Studium an der Uni, um als junge Frau ein heruntergekommenes Weingut in der Maremma wieder aufzubauen, dessen Name damals völlig unbekannt war, nämlich die Fattoria Le Pupille. Heute gehört die Fattoria, die ganz nebenbei die besondere Sangiovese-Art Morellino di Scansano wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt hat, zu den bekanntesten Weingütern der Toskana.

 

Wenn man an der Spitze steht, ist es leichter

Bei Weingütern, die ohnehin schon an der Spitze stehen, dürfte es etwas einfacher sein, wenn Winzerinnen die Führungsposition übernehmen. In der Tenuta Antinori, die von Marchese Piero Antinori zu Weltruhm geführt worden war, sind es gleich drei Töchter, und zwar Albiera, Allegra und Alessia, die in das weitverzweigte Imperium eingebunden sind. Bei den Gaja im Piemont ist es Gaia Gaja, die längst in die sehr großen Fußstapfen ihres Vaters Angelo passt. Bei Lopez de Heredia in Rioja sind es María José und Mercedes López de Heredia, welche die Geschicke des Hauses leiten. Beim argentinischen Spitzenweingut Catena Zapata steht Tochter Laura Catena mit Doktor-Titel in Biologie an der Spitze, während Vater Nicólas sich weitgehend zurückgezogen hat. Einige ähnliche Beispiele findet man heute auch im traditionellen Burgund, wo die viel zu früh verstorbene große Winzerin Anne-Claude Leflaive auf ganzer Linie für Umbrüche gesorgt hat.

 

Winzerin Gaia Gaja mit Familie
Die Familie Gaja um die Winzerikone Angelo Gaja (oben links) mit Tochter Gaia Gaja (zweite von rechts).

 

Wandel in Deutschland und eine neue, selbstbewusste Generation

Das sind nur einige wenige Beispiele für den großen Umschwung, der sich in den letzten Jahrzehnten langsam, aber doch stetig vollzogen hat. Das gilt natürlich auch für Deutschland und Österreich, wo in vielen angesehenen Weingütern die Töchter als Winzerinnen das Ruder übernommen haben oder dabei sind, es zu tun, wie etwa Eva Clüsserath an der Mosel oder Carolin Spanier-Gillot in Rheinhessen. Die beiden bilden geradezu kongeniale Paare mit ihren Partnern Philipp Wittmann bzw. Hans-Oliver Spanier. Die vier bringen regelmäßig Kollektionen heraus, die zum Allerbesten gehören, was Deutschland an Wein zu bieten hat.

Während bei Carolin Spanier oder Eva Clüsserath schon einige Wege vorher geebnet waren, sah das bei jungen Talenten wie Katharina Wechsler oder Juliane Eller ganz anders aus. Die beiden rheinhessischen Winzerinnen stehen für den Aufbruch einer Generation, die zwar aus Winzerhäusern stammt, deren Eltern aber vor allem Fassware produziert haben. Katharina Wechsler und Juliane Eller haben ein völlig anderes Selbstbewusstsein und packen Dinge unkonventioneller an als ihre Vorgänger. Dabei half sicher, dass sie in den Weinbaufachschulen wie zum Beispiel der Hochschule Geisenheim nicht mehr allein neben einer großen Überzahl an Männern sitzen mussten. In diesem Jahr sind es übrigens erstmals mehr Frauen als Männer, die dort das Winzerhandwerk erlernen oder weiterentwickeln. Wer hätte das gedacht vor zwanzig Jahren, als die deutsche Weinwelt gerade aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht war.

 

Schmeckt Wein von Frauen anders?

Dabei wäre natürlich auch die Frage zu klären, ob sich das Weibliche später auch im Wein zeige. Birgit Braunstein, weibliche Winzerpionierin in Österreich und Gründerin des Netzwerks 11 Frauen und ihre Weine, meint dazu: »Frauen haben Männern rein gar nichts voraus. Sie schneiden die Triebe nicht unbedingt besser, fahren nicht besser Traktor oder pflügen gar ordentlicher. Sie können die Beeren genauso gut oder genauso schlecht vor Krankheit und Schädlingen schützen. Nicht mehr, nicht weniger. Frauen schneiden Trauben auch keineswegs penibler vom Stock. Sie machen den Wein im Keller weder enthusiastischer noch behutsamer. Sie sprechen auch nicht mehr mit dem Wein, als Männer es tun – und doch: Wenn Frauen Wein machen, kommt Wein dabei raus, den viele Männer gerne machen würden. Aber warum dem so ist, das wissen nur wir 11.« Vielleicht ist es ein Mehr an Aufmerksamkeit für Details, eine Suche nach Feinheit oder ein stärkerer Hang zur Harmonie, der diese Weine begleitet. All das bleibt Spekulation. Deutlich geworden aber ist in den letzten zwei Jahrzehnten, dass Winzerinnen überdurchschnittlich erfolgreich sind mit dem, was sie tun. Sie sind in ihrem Berufsstand noch nicht völlig in der Gleichberechtigung angekommen, aber werden es bald sein.