Kolumne #1 - Dry January

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Trocken gelaufen im Januar

"Auf die Frage, ob wir was essen gehen wollen, kommt gerne die Antwort: Nein, nicht im Januar, da trinke ich keinen Alkohol. Somit wird für manche der Januar zu einer Art der Selbstkasteiung – aber gerne auch mit dem Gefühl moralischer Überlegenheit." eine Kolumne von Weinjournalist & Autor Christoph Raffelt

Veröffentlicht am 22. Januar 2026

Kürzlich war ich mit einem Leihwagen unterwegs. Es war eine Fahrt bis an die Loire, und ich hatte mehrere Leute an Bord, weshalb es ein großes Fahrzeug war. Eines, das mit allem möglichen Schnickschnack ausgestattet war, der der Optimierung des Fahrens dienen sollte. Spaß gemacht hat es nicht. Dass es sich meine Sitzposition nicht merken wollte und ich bei jedem neuen Einstieg alles wieder neu einstellen musste: geschenkt … Dass es bei jeder Geschwindigkeitsübertretung piept, dass es, sobald man überholt wird, im Außenspiegel blinkt und piept: okay … Dass sich das Navigationssystem nicht mit meinem Android-Smartphone verbinden wollte, wo ich alle 20 Ziele unserer Weinreise eingespeichert hatte: ärgerlich … Aber dass dieses Auto, wenn man es auf Tempomat mit automatischer Geschwindigkeitsanpassung stellt, nicht erkennt, dass das Tempo-30-Schild rechts der französischen Autobahn nur für die Abbieger gilt und der Wagen auf der Überholspur bei freier Strecke so hart in die Bremsen geht, dass das nächste folgende Fahrzeug nur noch mit Mühe ausweichen kann, das gibt mir dann doch zu denken.

Mit dem SUV an der Loire
Der SUV des Grauens
Das Loire Tal
Geschafft! - Der Blick auf die Loire macht vieles besser

Warum erzähle ich das in einer Kolumne über Wein? Weil aktuell „Dry January“ ist und ich einen Vergleich gesucht habe, wo mich die Grenzen der Optimierung anfangen zu trollen. Bei diesem Groß-SUV habe ich mich die ganze Zeit über gefragt, wie Menschen, die sich schnell gegängelt fühlen, von Umweltparteien zum Beispiel, die keine Fans von SUVs sind, eigentlich solche Autos ertragen, die einem ständig und ganz real ihren Willen aufzwingen wollen. Und ich frage mich im Januar, weshalb sich dieser „Dry January“ so langsam, aber sicher zu einer Instanz entwickelt, die einem genau das gleiche Gefühl vermittelt.


Jetzt wäre es natürlich auch eine Überraschung, wenn sich jemand, der eine Kolumne für einen Weinhändler schreibt, als Verfechter der Abstinenz outen würde. Aber einfach zu sagen, „Dry January“ wäre Mist, wäre auch wieder deutlich zu einfach. Und tatsächlich sind ja die wenigsten Dinge so einfach, wie gerne suggeriert wird, wenn man entweder für oder gegen etwas ist, zur hellen oder zur dunklen Seite der Macht gezählt wird. Ich bin da eher für „50 Shades of Grey“, also rein metaphorisch gesprochen. Tatsache ist vielmehr, dass ich die Leute sehr gut verstehen kann, und das aus mehreren Gründen. Es gibt allerdings genauso viel daran, was ich ablehne.


Ich fange mal mit dem an, was ich gut verstehen kann. Ich habe im Dezember eine Reihe sehr guter Weine getrunken. Ehrlich gesagt habe ich wirklich sehr viele gute Weine getrunken, mehr als in den ganzen Monaten davor und ich habe jeden Wein genossen – aber zunehmend schlechter geschlafen, und meine Hände taten mir weh, was mittlerweile passiert, wenn ich häufiger Alkohol zu mir nehme. Das Zeug ist halt nicht gesund, wir wissen das alle, ich werde älter, und so wirkt sich das auch stärker aus. Tatsächlich gab es bei mir darüber hinaus eine Zeit – ich bin zwischen 2021 und 2023 an Long Covid erkrankt – da habe ich gar nichts mehr vertragen. Wäre die berufliche Auseinandersetzung mit Wein und den vielen Geschichten dahinter nicht ein Lebensthema von mir, sondern nur ein Genussaspekt, wäre damals wahrscheinlich Schluss gewesen für mich. Aber das Blatt hat sich noch einmal gewendet – wenn auch mit klaren Veränderungen.


Eine davon war, dass ich zusammen mit meiner Kollegin Anne Tenschert ziemlich genau vor einem Jahr den Podcast „Zwei über Null“ ins Leben gerufen habe. Podcasts mache ich schon seit 2012, allerdings vorher ausschließlich über Wein. Der Untertitel von „Zwei über Null“ lautet „der Podcast über Getränke mit No und Low Alkohol“. Nach der Zeit völliger Abstinenz habe ich angefangen, mich mit diesem Teilbereich des Genusses auseinanderzusetzen. Denn dort passiert in den letzten Jahren sehr viel und gerade dort, wo nicht einfach nur entalkoholisiert wird, sondern wo Fermentationskompetenz und -erfahrung ins Spiel kommen und wirklich experimentiert wird; wo etwas dazu kommt, statt einfach nur etwas wegzunehmen. Darauf werde ich sicher an anderer Stelle noch detaillierter eingehen. Was ich aber schon sagen kann: Ich hätte überhaupt keine Probleme damit, mir meinen Januar komplett alkoholfrei zu gestalten und trotzdem gut zu trinken.

Podcast Zwei über Null
Mein Podcast "Zwei über Null" mit Anne Tenschert
Der Minion unter den Getränken
Kein Alkohol ist auch keine Lösung!


Andererseits aber geht es mir zunehmend gegen den Strich, mir von einer immer größer werdenden Meinungsmacht sagen zu lassen, wie ich am besten meinen Januar gestalten sollte. Ich mochte noch nie „ganz oder gar nicht“. Für manche mag das die einzig lebbare Struktur sein, für mich ist sie es nicht. Zumal ich genügend Leute kenne, die jetzt einen Monat lang keinen Alkohol trinken und den Rest des Jahres zuschlagen. Das kommt mir so unsinnig vor wie die Zurschaustellung eines Teslas vor der Haustür, wenn man parallel achtmal im Jahr ins Ferienhaus auf Mallorca fliegt – um noch einmal zum Vergleich mit den Autos zurückzukommen. „Ganz oder gar nicht“ scheint Zeitgeist zu sein und Selbstoptimierung sowieso. Am besten moralisch aufgeladen, mit dem zunehmend stärker werdenden Versuch, die Deutungshoheit zu erlangen.


Ich frage mich nur, ob dabei nicht zunehmend auch Spaß, Freude, Lust und Sinnlichkeit – huch, sind wir jetzt doch bei „50 Shades of Grey“? – verlorengehen. Inklusive der Fähigkeit, genießen zu können – und zu wollen. Natürlich kann man das auch alkoholfrei tun, aber das scheint den meisten, die ich kenne und die sich trocken durch den Januar bewegen, gar nicht in den Sinn zu kommen. Und wer nur entalkoholisierten Wein kennt, den kann ich da sogar verstehen. Auf die Frage, ob wir was essen gehen wollen, kommt gerne die Antwort: Nein, nicht im Januar, da trinke ich keinen Alkohol. Somit wird für manche der Januar zu einer Art der Selbstkasteiung – aber gerne auch mit dem Gefühl moralischer Überlegenheit.


Für die, die einen Rahmen brauchen, um wirklich einmal eine Pause zu machen, ist der „Dry January“ natürlich eine gute Sache. Und ich würde nie auf die Idee kommen, jemanden dafür schief anzusehen, wenn die Abstinenz tatsächlich gesundheitliche Gründe hat. Ebenso ist sie für jene obligatorisch, die im Januar so richtig entschlacken wollen und sich eine Fastenkur gönnen. Wer jedoch bewusst genießt und lustvoll Wein trinkt, der ein Interesse an den Geschichten hat, die der Wein oder seine Erzeuger erzählen wollen, der hält auch sein Maß; alles andere wäre Völlerei. Deshalb für die Zukunft: Gerne ernst gemeinte Aufklärung, aber bitte weniger Kampagne.


Ein Gastbeitrag von Christoph Raffelt (originalverkorkt.de)

Christoph schreibt seit 2007 über Wein. Zunächst und bis heute
auf „Originalverkorkt – über flüssige und überflüssige Eskapaden“, seit
2010 auch für Magazine. Dazu gehören „Der Feinschmecker“, „Meiningers
Weinwelt“ oder „Trink“. Zwischen 2012 und 2016 hat er fest für Hawesko
und Tesdorpf gearbeitet, seit 2016 ist er selbständig, hat das Büro für
Wein & Kommunikation gegründet, Veranstaltungen wie den „Riesling Swag“
aus der Taufe gehoben und mit „Originalverkorkt.de“ den ersten
deutschsprachigen Weinpodcast lanciert.