Warum erzähle ich das in einer Kolumne über Wein? Weil aktuell „Dry January“ ist und ich einen Vergleich gesucht habe, wo mich die Grenzen der Optimierung anfangen zu trollen. Bei diesem Groß-SUV habe ich mich die ganze Zeit über gefragt, wie Menschen, die sich schnell gegängelt fühlen, von Umweltparteien zum Beispiel, die keine Fans von SUVs sind, eigentlich solche Autos ertragen, die einem ständig und ganz real ihren Willen aufzwingen wollen. Und ich frage mich im Januar, weshalb sich dieser „Dry January“ so langsam, aber sicher zu einer Instanz entwickelt, die einem genau das gleiche Gefühl vermittelt.
Jetzt wäre es natürlich auch eine Überraschung, wenn sich jemand, der eine Kolumne für einen Weinhändler schreibt, als Verfechter der Abstinenz outen würde. Aber einfach zu sagen, „Dry January“ wäre Mist, wäre auch wieder deutlich zu einfach. Und tatsächlich sind ja die wenigsten Dinge so einfach, wie gerne suggeriert wird, wenn man entweder für oder gegen etwas ist, zur hellen oder zur dunklen Seite der Macht gezählt wird. Ich bin da eher für „50 Shades of Grey“, also rein metaphorisch gesprochen. Tatsache ist vielmehr, dass ich die Leute sehr gut verstehen kann, und das aus mehreren Gründen. Es gibt allerdings genauso viel daran, was ich ablehne.
Ich fange mal mit dem an, was ich gut verstehen kann. Ich habe im Dezember eine Reihe sehr guter Weine getrunken. Ehrlich gesagt habe ich wirklich sehr viele gute Weine getrunken, mehr als in den ganzen Monaten davor und ich habe jeden Wein genossen – aber zunehmend schlechter geschlafen, und meine Hände taten mir weh, was mittlerweile passiert, wenn ich häufiger Alkohol zu mir nehme. Das Zeug ist halt nicht gesund, wir wissen das alle, ich werde älter, und so wirkt sich das auch stärker aus. Tatsächlich gab es bei mir darüber hinaus eine Zeit – ich bin zwischen 2021 und 2023 an Long Covid erkrankt – da habe ich gar nichts mehr vertragen. Wäre die berufliche Auseinandersetzung mit Wein und den vielen Geschichten dahinter nicht ein Lebensthema von mir, sondern nur ein Genussaspekt, wäre damals wahrscheinlich Schluss gewesen für mich. Aber das Blatt hat sich noch einmal gewendet – wenn auch mit klaren Veränderungen.
Eine davon war, dass ich zusammen mit meiner Kollegin Anne Tenschert ziemlich genau vor einem Jahr den Podcast „Zwei über Null“ ins Leben gerufen habe. Podcasts mache ich schon seit 2012, allerdings vorher ausschließlich über Wein. Der Untertitel von „Zwei über Null“ lautet „der Podcast über Getränke mit No und Low Alkohol“. Nach der Zeit völliger Abstinenz habe ich angefangen, mich mit diesem Teilbereich des Genusses auseinanderzusetzen. Denn dort passiert in den letzten Jahren sehr viel und gerade dort, wo nicht einfach nur entalkoholisiert wird, sondern wo Fermentationskompetenz und -erfahrung ins Spiel kommen und wirklich experimentiert wird; wo etwas dazu kommt, statt einfach nur etwas wegzunehmen. Darauf werde ich sicher an anderer Stelle noch detaillierter eingehen. Was ich aber schon sagen kann: Ich hätte überhaupt keine Probleme damit, mir meinen Januar komplett alkoholfrei zu gestalten und trotzdem gut zu trinken.