Kolumne #4 - Judgement of Paris

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Zum 50. Jahrestag des Judgement of Paris

"Über Nacht vervielfachten sich die Bodenpreise im Napa, Steven Spurrier erhielt in diversen Weingütern Hausverbot, und es heißt, die Miteigentümerin der Domaine de la Romanée-Conti, Lalou Bize-Leroy, habe jahrelang nicht mehr mit Aubert de Villaine gesprochen. - Wie ein einzelnes Ereignis die Weinwelt veränderte..." eine Kolumne von Weinjournalist & Autor Christoph Raffelt

Veröffentlicht am 21. April 2026

Man darf sich das Setting dieses Ereignisses als völlig unspektakulär vorstellen: Ein paar Leute sitzen in einem kleinen Salon des Pariser Inter-Continental, dem heutigen The Westin Paris-Vendôme in der Rue de Castiglione. Der Organisator, Steven Spurrier, der damals ein anerkannter Weinhändler französischer Weine war und zudem eine mehr schlecht als recht laufende Weinschule namens L’Académie du Vin unweit des Hotels betrieben hat, schenkt Weine ein, die anderen probieren und geben Bewertungen ab. So etwas geschieht seit Jahrzehnten überall auf der Welt. Bei den verdeckt ausgeschenkten Weinen handelte es sich um einige der besten weißen Burgunder und roten Bordeaux. Auch das war schon damals nicht wirklich bemerkenswert.

Judgement of Paris Tasting 1976
Judgement of Paris Tasting - 1976 im Pariser Inter-Continental Hotel
Steven Spurrier
Steven Spurrier in den frühen 80ern


Doch damit endet die Geschichte natürlich nicht, sie fängt gerade erst an. Denn neben diesen Weinen gab es einige damals noch völlig unbekannte Pendants aus Kalifornien. Von den meisten dieser Weine war es der erste, zweite oder dritte Jahrgang. Was ebenfalls besonders war: Die Auswahl der Juroren und Jurorinnen, die die Verkostung aufgesucht hatten. Sie gehörten zum Who is Who des französischen Wein-Establishments. Darunter Odette Kahn, die Herausgeberin der renommierten La Revue du Vin de France, Aubert de Villaine, Co-Director der Domaine de la Romanée-Conti, Christian Vannequé, Sommelier des La Tour d'Argent, Pierre Tari, Besitzer des Château Giscours, und weitere solcher Persönlichkeiten.

Dass überhaupt eine Gruppe solcher hochrangiger Verkoster zustande gekommen war, konnten Steven Spurrier und seine Mitarbeiterin Patricia Gallagher bereits als Erfolg verbuchen. Die Leute waren interessiert, erwarteten aber natürlich keine Überraschungen. Schließlich waren Burgund und Bordeaux die Epizentren der Weinwelt – was sollten diese Kalifornier da schon ausrichten? Es gab, wie sich später zeigte, reichlich Hochmut in der Runde, und verschiedene Weine wurden verspottet – nur dass es sich dabei, wie sich ebenfalls später zeigte, meist um französische Weine handelte und nicht um die kalifornischen. Insgesamt wurden an jenem Nachmittag jeweils zehn Chardonnay und zehn auf Cabernet Sauvignon basierende Rotweine probiert. Es waren jeweils sechs kalifornische und vier französische Weine. Das Ereignis ist nur deshalb in die Geschichte eingegangen, weil sich ein einzelner Journalist des Time Magazines namens George M. Taber mangels anderer Termine im Hintergrund aufgehalten hatte und alles dokumentierte.

Der Eklat passierte, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Bei den Weißweinen hatte der 1973er Château Montelena Weine wie den Meursault Charmes 1973 der Domaine Roulot, den Bâtard-Montrachet 1973 der Domaine Ramonet-Prudhon und den Puligny-Montrachet Les Pucelles 1972 der Domaine Leflaive auf die Plätze verwiesen. Nicht besser sah es bei den Rotweinen aus, wo sich der erste Jahrgang von Warren Winiarskis Stag’s Leap Wine Cellars gegen Château Mouton Rothschild, Montrose, Haut-Brion und Léoville-Las-Cases durchgesetzt hatte. Sie können sich vielleicht die Aufruhr vorstellen, die in der kleinen Gruppe französischer Weinkenner herrschte. Und die Franzosen hätten das alles sehr gerne komplett mit dem Mantel des Schweigens bedeckt, wenn nicht der besagte George M. Taber einige Wochen später eine kleine Randnotiz auf der letzten Seite der Ausgabe des Time Magazine hinterlassen hätte.

Time Article from George Taber
Der originale Artikel aus der Time von Taber
George M. Taber
George M. Taber - Ein Journalist, der die Weinwelt veränderte.


Über Nacht vervielfachten sich die Bodenpreise im Napa, Steven Spurrier erhielt in diversen Weingütern Hausverbot, und es heißt, die Miteigentümerin der Domaine de la Romanée-Conti, Lalou Bize-Leroy, habe jahrelang nicht mehr mit Aubert de Villaine gesprochen.

Man kann dieses Tasting durchaus als Initialzündung des kalifornischen Weinbaus ansehen. Und auch wenn solche Proben immer nur ein Momentereignis darstellen, muss man konstatieren, dass bei einem Tasting, das Steven Spurrier und Pat Gallagher mit den gleichen Rotweinen aus den gleichen Jahrgängen 30 Jahre später organisiert haben, der Erstlingsjahrgang von Stag’s Leap einen respektablen zweiten Platz belegt hat – hinter dem 1971er Ridge Monte Bello.


Montelena & Stag's Leap 1973
And the Winner was... 1973 Montelena Chardonnay & 1973 Stag's Leap Wine Cellars Cabernet Sauvignon

Das ist übrigens nicht das einzige Ereignis in der Geschichte des kalifornischen Weinbaus, bei dem man versucht ist, mehr zu erfahren, während man sich eine Portion Popcorn zu Gemüte führt. Erinnern Sie sich vielleicht an den Film "Sideways"? Eigentlich eine kleine Nischenproduktion aus dem Jahr 2004. Zwei Typen reisen durch Kalifornien, der eine soll heiraten, will aber vorher noch einen draufmachen. Der andere ist ein zur Depression neigender, wenig erfolgreicher Wein-Snob und passionierter Pinot-Noir-Liebhaber namens Miles Raymond. Miles hasst Merlot und trifft irgendwann die Aussage: „Wenn irgendjemand Merlot bestellt, gehe ich. Ich trinke verdammt noch mal keinen Merlot!“ Obwohl Miles eigentlich kein besonders starker Sympathieträger ist und die Geschichte überschaubar wirkt, war der Film doch so erfolgreich, dass er zu einer messbaren Veränderung geführt hat, die als "Sideways-Effekt" in die Geschichte des kalifornischen Weinbaus eingegangen ist. Der Anbau und Verkauf von Merlot sind nach dem Erfolg des Films vor allem im unteren Preissegment dramatisch gesunken, während der Verkauf von Pinot Noir um 18 % gestiegen ist!

Unterm Strich hatten beide Ereignisse auch für die Verlierer ihr Gutes. Denn tatsächlich gab es viel zu viel austauschbaren Merlot in Kalifornien, und die Winzer im Burgund und in Bordeaux mussten sich erstmals ernsthaft mit ihrer Arbeit und ihrem Selbstverständnis auseinandersetzen, was eigentlich schon viel früher notwendig gewesen wäre und ihnen sehr gut getan hat. Darauf erst mal einen Cabernet. Oder doch lieber Pinot Noir?

P.S.: George M. Taber hat übrigens zum Judgment ein Buch verfasst, was natürlich nicht nur das Ereignis als solches erfasst, sonst wäre es eine Kurzgeschichte geworden. Vielmehr schaut er auf die faszinierende Vorgeschichte der meistenteils eingewanderten Weinmacher und den Weinbau in Kalifornien nach dem Ende der Prohibition.

P.P.S.: Brandaktuell ist ein Buch zum 50ten Jahrestag des Judgement of Paris von Susan Keevil der Académie du Vin Library erschienen. Es vereint die Geschichte der Pariser Blindverkostung, die Persönlichkeiten dahinter, die 20 ursprünglichen Weine, seltene Archivfotos und Reflexionen von führenden Stimmen der Branche.



Ein Gastbeitrag von Christoph Raffelt (originalverkorkt.de)

Christoph schreibt seit 2007 über Wein. Zunächst und bis heute
auf „Originalverkorkt – über flüssige und überflüssige Eskapaden“, seit
2010 auch für Magazine. Dazu gehören „Der Feinschmecker“, „Meiningers
Weinwelt“ oder „Trink“. Zwischen 2012 und 2016 hat er fest für Hawesko
und Tesdorpf gearbeitet, seit 2016 ist er selbständig, hat das Büro für
Wein & Kommunikation gegründet, Veranstaltungen wie den „Riesling Swag“
aus der Taufe gehoben und mit „Originalverkorkt.de“ den ersten
deutschsprachigen Weinpodcast lanciert.