Dem Weinbau geht es gerade nicht besonders gut. Vielleicht befindet er sich sogar in einer großen Zeitenwende. Die Absatzzahlen sinken stetig – und das so gut wie überall und zudem deutlich schneller als die von Bier oder Hochprozentigem. Die sogenannte "Awareness", zu der auch der Dry January gehört, mit dem ich die Kolumne letzten Monat begonnen habe, gehört ebenso zu den Ursachen wie die Tatsache, dass man jüngere Zielgruppen nicht mehr mit althergebrachten Ansprachen erreicht. Die Winzerinnen und Winzer haben zudem mit wirtschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen, denn die Preise für Glas, Maschinen, Hilfsmittel und Stundenlöhne sind mit Corona deutlich gestiegen, während die Preisanstiege der meisten Weine da kaum mithalten konnten. Aber natürlich gibt es noch weitere Herausforderungen.
Als ich geboren wurde, Anfang der 1970er Jahre, war die Weinwelt noch klein und überschaubar. Wenn man in Bücher aus der damaligen Zeit schaut, dann spielte eigentlich nur ein kleiner Teil Frankreichs eine Rolle, und dazu kamen einige wenige ausgewählte Regionen aus anderen Ländern. Deutschland, im 19. Jahrhundert noch "top notch", wurde kaum noch beachtet – mit Ausnahme von Mosel-Prädikatsweinen und zwei, drei anderen Weingütern. Portwein war natürlich bekannt, Sherry, Rioja, Tokaj, ein einzelner australischer Wein namens „Grange“ und ein paar weitere. Seitdem hat sich der Radius immer weiter ausgedehnt. Mit dem sogenannten "Judgment of Paris", als einige Weine aus Kalifornien sich in einer Blindprobe bei einer hervorragend besetzten Jury in Paris im Jahr 1976 gegen einige der besten Weine Frankreichs durchsetzten, wurde das Napa Valley berühmt. Italiens heute so bekannte Weinbauregionen wie das Piemont, Chianti Classico, Montalcino oder Bolgheri begannen langsam zu erwachen. Vorher stand Italien weitgehend für Lambrusco und Chianti aus den sogenannten Fiasco-Flaschen – was man meist durchaus wörtlich nehmen konnte. Die heutige Weinwelt mit ihrer extrem informativen Vernetzung und den globalen Wirtschaftsströmen sieht völlig anders aus. Weine aus Südamerika sind heute genauso normal wie jene aus Neuseeland, Südafrika, und selbst manch chinesischer oder japanischer Wein ist hier zu finden.