Kolumne #2 - Cool Climate

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Wo gehts hin mit dem Weinbau?

"Keine Frage – die Anbaugebiete haben sich stark verändert, und in den nächsten Jahren wird das wieder passieren. Aufhalten kann man das nicht. Aber ist es nicht auch eine Chance für alle, neu zu denken, zu experimentieren, auszuprobieren? " eine Kolumne von Weinjournalist & Autor Christoph Raffelt

Veröffentlicht am 17. Februar 2026

Dem Weinbau geht es gerade nicht besonders gut. Vielleicht befindet er sich sogar in einer großen Zeitenwende. Die Absatzzahlen sinken stetig – und das so gut wie überall und zudem deutlich schneller als die von Bier oder Hochprozentigem. Die sogenannte "Awareness", zu der auch der Dry January gehört, mit dem ich die Kolumne letzten Monat begonnen habe, gehört ebenso zu den Ursachen wie die Tatsache, dass man jüngere Zielgruppen nicht mehr mit althergebrachten Ansprachen erreicht. Die Winzerinnen und Winzer haben zudem mit wirtschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen, denn die Preise für Glas, Maschinen, Hilfsmittel und Stundenlöhne sind mit Corona deutlich gestiegen, während die Preisanstiege der meisten Weine da kaum mithalten konnten. Aber natürlich gibt es noch weitere Herausforderungen.

Als ich geboren wurde, Anfang der 1970er Jahre, war die Weinwelt noch klein und überschaubar. Wenn man in Bücher aus der damaligen Zeit schaut, dann spielte eigentlich nur ein kleiner Teil Frankreichs eine Rolle, und dazu kamen einige wenige ausgewählte Regionen aus anderen Ländern. Deutschland, im 19. Jahrhundert noch "top notch", wurde kaum noch beachtet – mit Ausnahme von Mosel-Prädikatsweinen und zwei, drei anderen Weingütern. Portwein war natürlich bekannt, Sherry, Rioja, Tokaj, ein einzelner australischer Wein namens „Grange“ und ein paar weitere. Seitdem hat sich der Radius immer weiter ausgedehnt. Mit dem sogenannten "Judgment of Paris", als einige Weine aus Kalifornien sich in einer Blindprobe bei einer hervorragend besetzten Jury in Paris im Jahr 1976 gegen einige der besten Weine Frankreichs durchsetzten, wurde das Napa Valley berühmt. Italiens heute so bekannte Weinbauregionen wie das Piemont, Chianti Classico, Montalcino oder Bolgheri begannen langsam zu erwachen. Vorher stand Italien weitgehend für Lambrusco und Chianti aus den sogenannten Fiasco-Flaschen – was man meist durchaus wörtlich nehmen konnte. Die heutige Weinwelt mit ihrer extrem informativen Vernetzung und den globalen Wirtschaftsströmen sieht völlig anders aus. Weine aus Südamerika sind heute genauso normal wie jene aus Neuseeland, Südafrika, und selbst manch chinesischer oder japanischer Wein ist hier zu finden.

Judgement of Paris
Als "Judgment of Paris" bezeichnet man eine vom Weinhändler Steven Spurrier am 24. Mai 1976 organisierte Weinprobe in Paris. Dass die Höchstnoten nicht wie erwartet an die französischen, sondern an die kalifornischen Weine gingen, führte in der Fachwelt zu erheblichen Diskussionen.

Damals, Anfang der 1970er, hat man sich wenige Gedanken gemacht um die Umwelt, um natürliches Weinmachen, um Klimaveränderungen. Auch das hat sich fundamental geändert. Heute sind alteingesessene Weinbaugebiete wie das Languedoc und das Roussillon, große Teile Spaniens, Kaliforniens, Griechenlands oder Süditaliens in immer stärkerem Maße vom Klimawandel gezeichnet – durch Waldbrände oder extreme Trockenheit. Dazu kommen in vielen Gebieten immer mehr Spätfröste und Starkwetterereignisse wie Starkregen oder Hagel. Nicht, dass es all das vorher nicht schon gegeben hätte, aber ganz eindeutig nicht in dieser Häufung. Ebenso eindeutig ist der durchschnittliche Temperaturanstieg. Lag der Durchschnitt in Perpignan im Roussillon im Jahr 1980 noch bei 14 °C, liegt er heute bei 16 °C. Parallel dazu sind die Niederschlagsmengen von rund 750 mm im Jahr auf 500 mm zurückgegangen. Und große Teile dieser 500 mm fielen oft in wenigen Minuten, haben große Teile des staubtrockenen Oberbodens weggeschwemmt und sind gar nicht erst in die Tiefe eingedrungen.

Es gab ein paar Jahre, da haben so gut wie alle europäischen Weinbaugebiete vom Klimawandel profitiert. Doch für die meisten sind diese Zeiten vorbei. Laut einem Bericht des renommierten Fachmagazins "Nature" könnten 70 % der heutigen weltweiten Anbaugebiete auf Dauer durch den Klimawandel gefährdet sein, 29 % sind es schon akut. Weinbau hat sich immer verändert, und eine Veränderung, die gerade eintritt, ist die, dass in ganz neuen Regionen Weinbau praktiziert wird. In manchen steht er also auf der Kippe, in anderen fängt er mehr oder weniger gerade erst an. Und dazwischen gibt es viele, die kämpfen und sich an ihren Standorten neue Lösungen erarbeiten.

Verbrannte Weinberge im Roussillon
Verbrannte Weinberge im Roussillon
Weinberg in Dänemark
Weinberg in Dänemark mit Blick auf die Nordsee

Ein Begriff, der dabei immer häufiger zur Sprache kommt, ist "Cool Climate". Wenn den jemand in den 1980ern zur Sprache gebracht hätte, dann hätten die meisten deutschen Winzer gesagt: "Ja, das ist unsere Realität. Wenn wir drei von zehn Jahrgängen richtig reif kriegen, sind wir zufrieden". Fragt man heute Winzerinnen wie Sophie Christmann, antwortet sie: "Früher hat man’s oft nicht reif bekommen, heute ist die Herausforderung, die Reife zu bremsen". So ändert sich die Welt.

Im Januar bin ich nach Kopenhagen gefahren, um mich auf der zweiten Ausgabe des "Cool Climate Summit" umzuschauen. Mehr als 130 Winzer waren vor Ort. Der am weitesten Angereiste kam aus Finnland und hat Obstwein erzeugt. Die meisten anderen sind aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angereist. Für mich war besonders interessant herauszufinden, was gerade in Polen passiert, in Dänemark, Schweden oder Belgien. Und tatsächlich entwickelt sich dort Erstaunliches. In all diesen Ländern – inklusive England seit den 1970ern oder den Niederlanden seit den 1990ern – haben die Winzer zunächst mit dem Anbau sogenannter pilzwiderstandsfähiger Rebsorten angefangen. Häufig war es Solaris für die Weißen und Rondo für die Roten. Die gibt es dort immer noch, aber seit einigen Jahren – in England schon länger – werden dort auch Chardonnay und Pinot Noir angebaut, Pinot Meunier, Blaufränkisch, Riesling und mehr – mit teils bemerkenswerten Ergebnissen. Wenn diese Länder so rasant aufholen, wie es England mit seinen Schaumweinen und zunehmend auch mit den Stillweinen schafft, dann wird es spannend. Es ist noch nicht lange her, da habe ich oberhalb von Helsingborg ein Weingut in Schweden besucht, das gerade dabei war, Pinot Noir in Einzelstockerziehung zu pflanzen, nachdem dort schon ältere Früh- und Spätburgunder-Parzellen zu finden waren, dazu Gamay, Cabernet Franc und Chenin Blanc. Der bereits gefüllte Pinot Noir war frisch, lebendig, mit einem exzellent eingebundenen und hochwertigen Holz.

Cool Climate Summit Copenhagen
Cool Climate Summit in CPH - beim polnischen Winzer Kamil Barczentewicz gibt es Riesling, Chardonnay, Pinot Noir und Blaufränkisch.
Einzelstockerziehung in Schweden
Weingut in Schweden, wo gerade Pinot in Einzelstockerziehung gepflanzt wird

Aber natürlich muss man nicht nach Polen oder Schweden reisen, um geschliffen kühl wirkende Weine zu erhalten. Auch in klassischen Anbaugebieten findet man diese Weine, und auch dort finden Veränderungen statt. Im Burgund beispielsweise stehen die Randlagen der Hautes Côtes, die also oberhalb der gefeierten Crus liegen, immer höher im Kurs. In anderen Regionen werden Weinberge in Nordausrichtung gepflanzt, wo früher nur der Süden gefragt war. Vom Bayerischen Bodensee, einem der am höchsten gelegenen, recht feuchten und teils kühlen Anbaugebiete Deutschlands, hatte bis vor zwei, drei Jahren noch kaum jemand gehört, der nicht als Urlauber vor Ort war. Doch das ändert sich gerade. Im Elsass wird Syrah gepflanzt, an der Mosel versuchsweise auch, in Baden und der Pfalz gibt es ihn schon länger. In Bordeaux sind jetzt auch ausgewählte Rebsorten aus Portugal erlaubt, und die Familie Torres beispielsweise arbeitet zunehmend mit sehr alten, fast vergessenen Rebsorten, von denen sie glaubt, dass sie mit dem Klimawandel besser zurechtkommen als so manche aktuelle.

Es wird viel geklagt in den letzten drei Jahren über die Krisen im Weinbau, die Herausforderungen, die ganz ohne Zweifel enorm sind. Doch wer nur klagt, endet irgendwann dort, wo Kodak geendet ist – im Nichts. Dann nehme man sich doch lieber ein Beispiel an Nokia: Vom Zellstoff und Holzverarbeiter über Gummi und Turnschuhe über Mobiltelefone hin zu einem der bedeutendsten Forschungs- und Entwicklungszentren, deren Mitarbeiter mittlerweile neun Nobelpreise eingeheimst haben.

Natürlich hinkt das Beispiel stark. Doch gab es immer Wandel, und der Weinbau hat sogar das 19. Jahrhundert überlebt, als die Betriebe gleichzeitig mit dem Aufkommen des Echten Mehltaus, des Falschen Mehltaus und der Reblaus konfrontiert waren und Hunderttausende von Hektar europaweit neu bepflanzt werden mussten. Keine Frage – damals haben sich die Anbaugebiete stark verändert, und in den nächsten Jahren wird das wieder passieren. Aufhalten kann man das nicht. Aber ist es nicht auch eine Chance für alle, neu zu denken, zu experimentieren, auszuprobieren? Und damit meine ich nicht nur Winzerinnen und Winzer, auch wir als Konsumenten sind gefragt, sollten aufgeschlossen sein und uns einlassen auf Veränderungen. Geschmack ist nicht in Stein gemeißelt, er verändert sich genauso wie die Welt.


Ein Gastbeitrag von Christoph Raffelt (originalverkorkt.de)

Christoph schreibt seit 2007 über Wein. Zunächst und bis heute
auf „Originalverkorkt – über flüssige und überflüssige Eskapaden“, seit
2010 auch für Magazine. Dazu gehören „Der Feinschmecker“, „Meiningers
Weinwelt“ oder „Trink“. Zwischen 2012 und 2016 hat er fest für Hawesko
und Tesdorpf gearbeitet, seit 2016 ist er selbständig, hat das Büro für
Wein & Kommunikation gegründet, Veranstaltungen wie den „Riesling Swag“
aus der Taufe gehoben und mit „Originalverkorkt.de“ den ersten
deutschsprachigen Weinpodcast lanciert.