Kolumne #3 - Der Penfolds-Moment

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Peter Gago und der BIN 389 – Zeit für einen Proustschen Penfolds-Moment

"Peter Gago ist das, was man eine Weinpersönlichkeit nennt und zwar auf eine ganz ruhige, zurückhaltende, britisch distinguierte, dafür aber nachhaltige Weise – weshalb er am Vorabend der ProWein in Düsseldorf von den Meininger Awards für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Allein das wäre schon ein Grund, über ihn zu schreiben." eine Kolumne von Weinjournalist & Autor Christoph Raffelt

Veröffentlicht am 19. März 2026

Eigentlich hatte ich vorgehabt, in dieser Kolumne über Weinsprache zu schreiben, aber ich habe das verschoben auf später, das Thema läuft ja nicht weg. Der Grund dafür ist, dass ich in der letzten Woche kurzfristig die Möglichkeit hatte, mich mal wieder mit Peter Gago zu treffen und ich dachte mir, dass es eine gute Idee wäre, mal darüber zu schreiben. Peter Gago? Nun, der Mann ist in der Öffentlichkeit vielleicht nicht so bekannt wie ein Marchese Piero Antinori, zumal er nicht denselben Namen wie das Weingut trägt, für das er seit Jahrzehnten arbeitet. Aber er hat ein ähnliches Lebenswerk geschaffen. Peter Gago ist der offizielle "Chief Winemaker" bei Penfolds. Und Penfolds wiederum ist ein "National Icon" Australiens – ebenso wie ihr berühmtester Wein, der "Grange".

Penfolds Grange
Vor kurzem bei einer Verkostung in Hamburg mit Peter...
Penfolds Winery
Penfolds Winery in den Adelaide Hills - A "National Icon"


Peter Gago ist das, was man eine Weinpersönlichkeit nennt und zwar auf eine ganz ruhige, zurückhaltende, britisch distinguierte, dafür aber nachhaltige Weise – weshalb er am Vorabend der ProWein in Düsseldorf von den Meininger Awards für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Allein das wäre schon ein Grund, über ihn zu schreiben. Aber für mich gibt es noch ein weiteren, weil ich jedes Mal, wenn ich einen der Weine von Penfolds im Glas habe, eine besondere Verbindung spüre.

Meinen Zugang zu Wein habe ich mir zu Beginn der 1990er Jahre in gewisser Weise selbst eröffnet. Ich stamme weder aus einer dem Wein zugewandten Familie noch aus einem Weinbaugebiet. Den ersten Wein habe ich mir auf der Suche nach einer Begleitung zum Essen – ich habe damals schon gerne gekocht – in einem gut sortierten Getränkemarkt in der Voreifel(!) erworben. Es war ein 1988er Sebastiani „Zinfandel“ aus Sonoma County. Ich fand dann schnell Gefallen an diesem Probieren und Entdecken und habe mir die erste Literatur gekauft. Ein, zwei Jahre später wurde ich zum Kunden eines Weingeschäfts in Köln-Lindenthal. Damals hatte ich mir, ich war Anfang 20, eine Grenze gesetzt von höchstens DM 15,- pro Flasche. Doch dann tauchten in diesem Laden plötzlich die ersten Weine von Penfolds auf.

Meine Bucketlist bestand damals aus tiefen, fruchtigen Rotweinen aus Spanien, Südfrankreich und auch Übersee. Die Weine von Penfolds passten hervorragend in dieses Schema. Ich fand schon den "BIN 28" gut, was der rote Einstieg bei Penfolds war. Allerdings hat mir die "BIN 389" noch wesentlich besser gefallen. Das Problem war, dass dieser Wein, der gerne "Baby Grange" genannt wird, weil er in ehemaligen Grange-Fässern ausgebaut wird und auch deklassierter Grange für den Wein genutzt wird, leider DM 22,- gekostet hat. Was soll ich sagen? Ich bin schwach geworden und habe mir tatsächlich eine kleine Kiste dieses 1990er Jahrgangs in den Keller gelegt. Ich habe es nicht bereut. Ich wusste damals natürlich nicht, dass es sich um einen der besten Jahrgänge dieses Weines handeln würde. Was ich aber schon gelesen hatte: Weglegen und reifen lassen. Das hat sich gelohnt und ich habe über anderthalb Jahrzehnte hinweg jede Flasche genossen.

Die letzte Flasche BIN389
Meine letzte Flasche 1990er BIN389, die ich mitte der 2000er genossen habe.
Peter Gago - Penfolds Tasting
Peter Gago bei einem Tasting Ende der 2000er.


Nun, Peter Gago war damals zwar schon bei Penfolds, aber noch nicht für diesen speziellen Wein verantwortlich. Gago wurde, wie der Gründer des Weinguts, Dr. Christopher Penfold einst auch, in Großbritannien geboren, ist aber früh mit seinen Eltern nach Australien ausgewandert. Er wurde erst Lehrer für Mathe und Chemie, hat dann den Wein für sich entdeckt, ein Studium der Önologie angeschlossen und ist 1989 zu Penfolds gestoßen und wurde Teil des Schaumwein-Teams, bevor er zum Rotwein wechselte. Seit 2002 ist er Chief Winemaker bei Penfolds – als vierter in der Geschichte des Weinguts und in der Nachfolge des legendären Max Schubert, der in den 1940er Jahren unter anderem den "Grange" geschaffen hat. Dieser Shiraz war der erste australische Wein, der weltweit berühmt geworden ist und über den man in Australien sagt: "Es gibt zwei Dinge, auf die jeder Australier stolz ist: das Great Barrier Reef und Penfolds Grange – wobei man Letzteres im Gegensatz zum Riff wenigstens trinken kann".

Wenn man Peter Gago in seiner ruhigen Art zuhört, wie er über die Weine spricht, die bei Penfolds entstehen, dann könnte man den Eindruck gewinnen, dass es sich hierbei noch um ein ambitioniertes, übersichtlich großes Familienweingut handelt. Gago, der zwar das Weinmachen im Prinzip weiter verantwortet, ist jedoch längst ein Markenbotschafter geworden, der mehr als die Hälfte des Jahres um die Welt reist – weil er der geborene Kommunikator eines "International Players" ist. Er kennt wahrscheinlich jede Persönlichkeit der internationalen Weinszene und gibt einem trotzdem das Gefühl, dass er zum Zeitpunkt des Treffens nur für dich da ist. Das muss man erst mal können. Ebenso, dass ich ihn bereits mehrfach getroffen habe, er unglaublich viele Geschichten erzählt und ich trotzdem noch nie das Gefühl hatte, er würde sich wiederholen. Er schafft so Vertrauen in einem Konzern, der als Teil der Treasury Estates weltweit Weine erzeugt. Es gibt längst Penfolds-Champagner, Penfolds aus Kalifornien, aus Bordeaux und in Kooperation mit Paul Jaboulet-Aîné auch einen Grange-La Chapelle! Wer auf die Instagram-Seite von Penfolds geht, sieht sehr viel Bling-Bling und erhält den Blick auf eine internationale Lifestyle-Marke, die nicht zuletzt in China ausgesprochen erfolgreich ist.

Penfolds Lunar New Year Edition
Der aktuellste Marketing-Coup: Die Penfolds Lunar New Year Edition
Penfolds Collaboration with NIGO
Eine Kollaboration mit dem japanischen Designer NIGO - Auf dem asiatischen Markt war sie innerhalb weniger Minuten ausverkauft!


Meine Welt ist das nicht. Penfolds und ich haben ab  den frühen 1990er Jahren sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen. Wie sehr es die Welt von Peter Gago ist, kann ich gar nicht beurteilen. Aber ich weiß, dass die Weine, die er heute verantwortet, nichts mit Bling-Bling zu tun haben und qualitativ mindestens so gut sind wie damals. Wenn man viel Frucht und Konzentration mag, dann trinkt man sie schon in jungen Jahren. Aber ihre eigentliche Qualität zeigen sie erst nach 10, 20, 30 oder mehr Jahren. Dann werden sie einzigartig. Der "BIN 389" ist seit meinem ersten Kauf natürlich deutlich teurer geworden. Genauso wie die Weine aus Bordeaux oder dem Burgund oder alles andere, was Qualität hat. Peter Gago hat seine ersten Penfolds in den 1970ern erworben und die Weine meist mit dem Preisschild in seinen Keller gelegt. Wenn er sie heute hervorholt, meinte er, könnten die Leute kaum glauben, dass der legendäre 1971er Jahrgang damals 12,85 australische Dollar gekostet hat, also umgerechnet rund 50 Deutsche Mark.

Auch wenn meine bereits erwähnte Bucketlist heute ganz anders aussieht und ich in ganz andere Richtungen schaue, so bleibe ich dem "BIN 389" doch auf ganz besondere Weise verhaftet. Wenn ich ihn im Glas habe, dann habe ich regelmäßig einen Proustschen Moment, bei dem mir die Anfänge meiner Weinleidenschaft in den Sinn kommen. Und was sollte Wein, auch wenn man sonst in anderen Sphären unterwegs ist, anderes sein, als eine verbindende Leidenschaft?


Ein Gastbeitrag von Christoph Raffelt (originalverkorkt.de)

Christoph schreibt seit 2007 über Wein. Zunächst und bis heute
auf „Originalverkorkt – über flüssige und überflüssige Eskapaden“, seit
2010 auch für Magazine. Dazu gehören „Der Feinschmecker“, „Meiningers
Weinwelt“ oder „Trink“. Zwischen 2012 und 2016 hat er fest für Hawesko
und Tesdorpf gearbeitet, seit 2016 ist er selbständig, hat das Büro für
Wein & Kommunikation gegründet, Veranstaltungen wie den „Riesling Swag“
aus der Taufe gehoben und mit „Originalverkorkt.de“ den ersten
deutschsprachigen Weinpodcast lanciert.