Das meiste, was ich zum Thema lese, läuft darauf hinaus, dass man Wein entmystifizieren und ihn im Zweifelsfall von seinem Sockel stoßen müsse, um jene Generation zu erreichen, zu der beispielsweise mein Sohn mit seinen 24 Jahren gehört. Was dabei gerne versucht wird, ist, über einfachere Etiketten, eine einfachere Weinsprache oder leicht verständliche Cuvées eine Barrierefreiheit zu suggerieren, die der Wein nie besessen hat. Denn de facto stand der Wein schon immer auf einem besonderen Sockel. Er war im Laufe der Geschichte immer das Getränk der Reicheren und Mächtigeren – sehen wir einmal vom dünnen Wein fürs Volk ab, der so verwässert war, dass selbst Kinder ihn mangels sauberen Trinkwassers zu sich genommen haben. Das Elitäre des Weins ist also eigentlich systemimmanent. Wein wie Fruchtsaft oder Limo aus Dosen zu behandeln, wird ihn nicht retten.
Wein für eine jüngere Generation so zu behandeln, dass man ihn zur Beliebigkeit dekonstruiert, ist meiner Ansicht nach einfach nur eine neue Form von Snobbismus – weil es bedeutet, dass wir als ältere, erfahrene Weinprofis den Jüngeren nichts mehr zutrauen. Wenn ich an meine eigene Weinsozialisation zurückdenke, dann habe ich sie auf eigene Faust unternommen. Ich bin in Läden gegangen und habe Weine ausgesucht, habe mir Literatur gekauft, habe irgendwann angefangen, mit den Leuten in den Weinläden zu reden, bin irgendwann in Weinbaugebiete gefahren – weil ich mich für das Thema interessiert und Leute gefunden habe, die mir etwas dazu erzählen wollten. Ist das heute anders? Ja und nein. Wenn ich z. B. die noch junge Weinschreiberin Caroline Lamb auf everydaydrinking.com lese, dann ist das bei ihr eigentlich exakt die gleiche Story, nur 30 Jahre später. Und sie fängt zurecht an, sich darüber aufzuregen, dass man ihrer Generation heute anscheinend so wenig zutraut, dass sie sich oftmals behandelt fühlt wie ein kleines Kind.
Wenn man das Thema „Wein“ betrachtet wie das Thema „Hochküche“ oder „Kunst“, dann kommt man nicht umhin, durch eine Schule zu gehen, um ein komplexes Thema zu verstehen. Wer allerdings das erste Mal durch ein Museum geht, wird nicht viel verstehen. Es braucht eine Annäherung, die einem keiner abnehmen kann und die man auf sich nehmen muss, wenn man mehr erreichen möchte. Die kann so aussehen, wie ich sie oben beschrieben habe, sie kann aber auch ganz anders erzeugt werden. Moderner, zeitgemäßer …