Kolumne #6 - Wurde Bordeaux nicht eigentlich zum Trinken gemacht?

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Moment mal, wurde Bordeaux nicht eigentlich zum Trinken gemacht?

"Der größte Vorteil, den Bordeaux eigentlich hat, ist doch, dass man dort größere Mengen Wein in hoher Qualität erzeugen kann. Stattdessen tut man weiterhin so, als sei man so knapp wie Burgund..." eine Kolumne von Weinjournalist & Autor Christoph Raffelt

Veröffentlicht am 18. Juni 2026

Der Titel der Kolumne mutet recht banal an, nicht wahr? Sollte Wein nicht immer zum Trinken gemacht werden? Volle Zustimmung! Doch leider haben das speziell in Bordeaux so manche Château-Besitzer und Händler nachhaltig vergessen. Das ist einer der Gründe, weshalb es dort aktuell den größten Umbruch seit Menschengedenken gibt. Es gibt noch mehr und für manche können auch die Château-Besitzer nichts, doch ich wage zu behaupten, dass man das Unwetter deutlich früher hätte erkennen können, wenn man den Kopf nicht so lange in den Wolken gehabt hätte.

Noch bis vor wenigen Jahren war Bordeaux samt seiner Unterappellationen das größte Qualitätsweinbaugebiet Frankreichs. Im Jahr 1960 lag der Hektarbestand nach der ersten Boom-Phase nach dem Krieg bei rund 145.000 Hektar. 1980 waren es nur noch 105.000. Der Boom war vorbei, es gab Rodungsprämien und selbst die 1er Cru Classé-Weingüter hatten erkennen müssen, dass anderswo mittlerweile Weine auf ähnlichem Niveau erzeugt wurden (siehe das Judgement of Paris). 20 Jahre später sorgte unter anderem der China-Boom und die Parkerisierung der Weine für einen Anstieg auf 123.000 Hektar. Wiederum 20 Jahre später war das wieder vorbei. Strukturkrisen und weniger Nachfrage nach schweren Rotweinen haben für einen Rückgang auf 111.000 Hektar gesorgt. Und die Krise hört nicht auf. 2026 markiert einen historischen Tiefststand nach der Reblauskrise mit 95.000 Hektar. Große Teile der privaten Erzeuger wie auch der Genossenschaften wissen nicht mehr, wohin mit den Weinen. Sie werden destilliert und Weinberge für eine Prämie von 6.000 Euro pro Hektar gerodet.

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Auch die Grand Cru Classé spüren die Veränderungen. Die Lager der Zwischenhändler sind voll, es gibt zu viel Bordeaux am Markt. Wenn man die Besitzer vieler berühmter Châteaux in Interviews verfolgt, kann man allerdings den Eindruck gewinnen, sie hätten bis heute die Realität ignoriert, und viele von ihnen reden so, als könnte es immer so weitergehen mit der großen Party, die sie spätestens seit 2009 feiern. Dabei liegen die Zahlen der Veränderungen klar auf dem Tisch. Im Jahr 2000 wurde in Frankreich noch 69,1 % Rotwein konsumiert, 15 % Weißwein und 15,9 % Rosé. 2022 waren es noch 44,2 % Rotwein, gleichzeitig 20,5 % Weißwein und 35,3 % Rosé. Die Gesamtmenge erzeugter Rotweine ist von 7 Millionen Hektoliter auf unter 3 Millionen gefallen. Das bekommt eine Region, die sich vor allem den Rotweinen verschrieben hat, besonders deutlich zu spüren. Bei Süßweinen sieht es noch schlechter aus. Diese Veränderungen konnten die Cru Classé vielleicht eine Weile lang ignorieren, weil sie so lange so fette Gewinne eingestrichen haben und natürlich auch nicht nur im Inland verkaufen, aber der Markt verändert sich weltweit und Ignorieren hilft nicht mehr weiter. Hinter verschlossenen Türen sagt man, dass so manches Château während der Subskriptionskampagne 2024 kaum eine Flasche verkauft hat.

Spätestens mit den „Jahrhundertjahrgängen“ 2009 und 2010 hatten es die Cru Classé-Ezeuger gnadenlos übertrieben. Bordeaux wurde immer mehr zum Luxusgut und Investitionsobjekt, das sogar an einer eigenen Börse gehandelt wird. Und wenn man die Château-Besitzer dazu hörte, dann kamen sie einem häufiger wie Investmentbanker vor (was sie ja in der Tat auch teilweise sind). Die Erzeuger und Zwischenhändler haben gefeiert… Wer dabei so gut wie gar keine Rolle mehr gespielt hat, waren die Bordeaux-Liebhaber. Leute wie ich und vielleicht auch Sie, die sehr gerne Bordeaux trinken, aber einen begrenzten Geldbeutel zur Verfügung haben. Die Wein genießen möchten und ihn nicht kaufen, um ihn zehn Jahre später wieder zu verkaufen. Leute, die nachdenken, dass das sowieso nicht so gut funktionieren kann, wenn Châteaux sich so am Markt positionieren, als sei ihr Grand Vin von 100 Hektar Pauillac genauso rar wie der Grand Cru einer Burgund-Domaine, die einen Anteil von 0,3 Hektar am Bâtard-Montrachet hält.

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Den „Von und Zu“ von Bordeaux war das ebenso egal wie den Vertretern der zahlreichen Firmen, Holdings und Beteiligungsgesellschaften, die längst die meisten der prestigeträchtigen Weingüter übernommen haben. Eine Zeit lang gab es ja auch genügend Käufer ihrer Weine und die anderen konnten auch woanders hingehen. Ja, genau das haben sie auch getan. Ich übrigens auch. Außerdem habe ich angefangen, gereifte Weine auf dem Sekundärmarkt zu kaufen, weil ich nun mal gerne Bordeaux trinke, vor allem die kühleren Jahre, die so wenig mit den parkerisierten, hoch konzentrierten Weinen zu tun haben, die so lange en vogue waren.

Der Markt schien lange unverwundbar. Aber er war es nicht. Die Bordelaiser haben es schlichtweg verpasst, den Wert ihrer Marke an den Zeitgeist anzupassen. Stattdessen haben sie Bordeaux immer mehr und mehr kommerzialisiert und letztlich zu einem Massenprodukt gemacht. Immer höher, schneller, weiter …

Wo geht es also hin mit Bordeaux? Bordeaux schrumpft sich gerade (hoffentlich) gesund. Der Weg führt in der Basis weg von der Quantität hin zu einem flexibleren, ökologischeren und stilistisch vielseitigeren Anbaugebiet. Das ist eigentlich gut. Allerdings trifft es vor allem die einfachen Betriebe momentan sehr hart, denn sie können weder ihre Weine noch ihre Weinberge verkaufen. Betriebe, wie die, die im Entre-Deux-Mers angesiedelt sind, wo es keine Cru Classé gibt, schauen sich mit dem Geld der Rodungsprämien nach Alternativen um und pflanzen beispielsweise Haselnussbäume, Olivenbäume oder investieren in Solarparks. Zudem kauft ein im Mai 2026 ins Leben gerufener, öffentlich-privater Fonds namens „La Foncière d’Avenir en Gironde“ (getragen von Banken, dem Staat und der Region) gezielt stillgelegte, gerodete oder verwilderte Weinbergsparzellen auf. Das Ziel: Die Flächen komplett aus dem Weinkreislauf zu nehmen, um eine spätere erneute Überproduktion zu verhindern.

Und die anderen? Die suchen nach neuen und nach alten Wegen. Junge Winzer scheren aus dem alten AOC-System aus und erzeugen frisch und jung wirkende Vin de France mit einem veränderten Rebsortenspiegel. Andere produzieren wieder das, was früher erzeugt wurde. Wussten Sie, dass 1960 der Anteil weißer Rebsorten noch bei 58% lag? In den letzten 25 Jahren waren es gerade mal 11%. Und auch der Rebsortenspiegel sah ganz anders aus. Die mit Abstand am häufigsten angebaute Sorte war der weiße Sémillon mit 11.000 Hektar. 30.000 Hektar waren damals mit hybriden Rebsorten bestockt. Also Sorten, die wir heute als PIWI bezeichnen!

Chateau Lafleur 2025
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La Cité du Vin: Moderner Prunkbau. Passt zur Stadt Bordeaux, aber nicht zur aktuellen Lage


Glauben Sie also niemandem, der behauptet, der Weinbau würde auf unverrückbaren Prinzipien basieren, die aufgrund von Traditionen unveränderbar wären. In der Champagne beispielsweise war vor 100 Jahren der Gamay noch die am häufigsten vorkommende Rebsorte. Und heute wird dort die erste selbst gezüchtete PIWI gepflanzt. In Bordeaux sind mittlerweile die roten Touriga Nacional, Marselan, Arinarnoa und Castets erlaubt, ebenso wie die weißen Alvarinho und Liliorila.

Ein veränderter Rebsortenspiegel und zeitgemäßere Weinstile sowie ein moderneres Auftreten können aber nur ein Teil der Lösung sein. Ich bin gespannt, wann die konservative Riege der Grand Cru Classé-Besitzer auf die Bordeaux-Krise endlich konsequenter (oder überhaupt) reagieren wird. Bisher haben zum großen Teil weder die Erzeuger noch die Négociants in Bordeaux die Verantwortung für die Entwicklung übernommen, auch wenn vielen von ihnen längst das Wasser bis zum Hals steht. Wo geht es also hin? Bleiben irgendwann nur noch die großen Namen übrig in einem En-Primeur-Subskriptionssystem, das kaum noch funktioniert? Oder findet Bordeaux seine Identität irgendwann auch im günstigeren Bereich wieder? Sind die Großen in der Lage, Prestige und Marge zu opfern, um ehemalige Kunden zurückzugewinnen? Einfach radikal die Preise senken, damit alle anderen wie die Zwischenhändler, die Händler und die Liebhaber auch mal wieder glücklich sind mit Bordeaux? Sommeliers, die sie fast komplett verloren haben, zurück ins Boot holen? Und vielleicht auch die jüngeren Leute, die großenteils so gar nichts mit der elitären Etikette von Bordeaux anfangen können, indem man sich etwas nahbarer präsentiert? Zugegeben, viel verlangt von Château-Besitzern, die den Beruf des Courtier erfunden haben, damit sie sich nicht persönlich mit den Händlern abgeben müssen, um Preise zu verhandeln.

Weinbar in Bordeaux
Weinbar in Bordeaux: Andrew Jefford schreibt aktuell in der New York Times, dass selbst in den Weinbars und Restaurants von Bordeaux praktisch niemand mehr Bordeaux trinkt. Freunde von mir vor Ort bestätigen dass.


Der größte Vorteil, den Bordeaux eigentlich hat, ist doch, dass man dort größere Mengen Wein in hoher Qualität erzeugen kann. Stattdessen tut man weiterhin so, als sei man so knapp wie Burgund. Ganz so, als seien wir beschränkt in unserer Wahrnehmung. Es sind die Verbraucher, die von den Erzeugern ebenso wie von den Händlern ernster genommen werden sollten, damit die Liebe zu Bordeaux nicht gänzlich erkaltet. Denn gut gemachter Bordeaux, vom einfachen Bordeaux AOC bis zum Grand Cru, ist nur mit wenigen anderen Weinen der Welt zu vergleichen. Das Ehrliche sollte dabei wieder mehr im Vordergrund stehen, das Klassische, das Atlantische, von dem diese Weine so profitieren können. Tatsächlich ist die Subskriptionsofferte 2025 ein erster Schritt. Der Jahrgang ist exzellent bei attraktiven Preisen. 

Schrieb’s und gönnte sich zum Abschluss ein Glas 1990er Chasse-Spleen.



Ein Gastbeitrag von Christoph Raffelt (originalverkorkt.de)

Christoph schreibt seit 2007 über Wein. Zunächst und bis heute
auf „Originalverkorkt – über flüssige und überflüssige Eskapaden“, seit
2010 auch für Magazine. Dazu gehören „Der Feinschmecker“, „Meiningers
Weinwelt“ oder „Trink“. Zwischen 2012 und 2016 hat er fest für Hawesko
und Tesdorpf gearbeitet, seit 2016 ist er selbständig, hat das Büro für
Wein & Kommunikation gegründet, Veranstaltungen wie den „Riesling Swag“
aus der Taufe gehoben und mit „Originalverkorkt.de“ den ersten
deutschsprachigen Weinpodcast lanciert.