Kolumne #7 - Silvaner und die Angst vor dem Unspektakulären

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Silvaner und die Angst vor dem Unspektakulären

"Wir leben in einer Zeit, in der der erste Eindruck fast alles entscheidet. Menschen beurteilen wir innerhalb weniger Sekunden. Selbst beim Wein scheint inzwischen oft zu gelten: Wenn der erste Schluck nicht begeistert, kommt der nächste Wein. Ist das nicht ein Missverständnis?" eine Kolumne von Weinjournalist & Autor Christoph Raffelt

Veröffentlicht am 16. Juli 2026

Kürzlich war ich mal wieder in Franken. Ich bin jedes Jahr mindestens einmal dort. Ich mag den Landstrich, die Leute und ich mag Silvaner. Und wenn der Wettbewerb „Best of Franken“ mich ruft, bin ich seit Jahren mit dabei.

Im Mittelpunkt steht natürlich Frankens wichtigste Rebsorte, der Silvaner, auch wenn andere Sorten ebenfalls ihre Bühne bekommen. In diesem Jahr habe ich die Kategorie „Orange & Co.“ bewertet. Gewonnen hat ein sechs Monate auf der Maische vergorener Silvaner. Nicht, weil er laut war. Sondern weil er trotz aller Extraktion erstaunlich selbstverständlich wirkte und das den Charakter der Rebsorte ungeschminkt ins Glas gebracht hat.

Bei dieser Verkostung hatte es der Silvaner leicht. In Vergleichsverkostungen mit anderen Sorten wird das viel schwieriger. Da steht dann ein expressiver Sauvignon Blanc und ein reduktiver Chardonnay mit deutlichem Holz und dann kommt der Silvaner und der macht erst einmal … nichts. Zumindest nichts Spektakuläres. Das klingt zunächst wie ein Nachteil. Vielleicht ist es aber seine größte Stärke.

verkostung von Wien mit Christoph Raffelt
"Best of Franken" Verkostung
Winzer Rudolf May
Franken-Ikone Rudolf May


Wir leben in einer Zeit, in der der erste Eindruck fast alles entscheidet. Menschen beurteilen wir innerhalb weniger Sekunden. Musik bekommt eine halbe Minute. Bücher müssen auf den ersten Seiten überzeugen. Restaurants nach dem ersten Teller. Selbst beim Wein scheint inzwischen oft zu gelten: Wenn der erste Schluck nicht begeistert, kommt der nächste Wein. Ist das nicht ein Missverständnis? Haben wir uns daran gewöhnt, Intensität allzu oft mit Qualität zu verwechseln? Dabei sind das zwei völlig verschiedene Dinge. Gerade auch beim Wein. Es gibt Weine, die beeindrucken. Und es gibt Weine, die einen beschäftigen und nachwirken. Ein großer Silvaner gehört meist zur zweiten Kategorie. Er erklärt sich nicht sofort. Er wirbt nicht um Zustimmung. Er versucht gar nicht erst, der Lauteste im Raum zu sein. Stattdessen verändert er sich mit jedem Schluck ein wenig. Plötzlich fällt auf, wie selbstverständlich Säure, Textur, Würze und Frucht ineinandergreifen. Zehn Minuten später schmeckt er ganz anders als beim ersten Schluck.

Tatsächlich passiert das deutlich häufiger mit leisen Weinen als mit lauten. Vielleicht gilt das aber nicht nur für Wein. Es gibt Menschen, die beim ersten Kennenlernen unglaublich interessant wirken und nach einem Abend schon nichts Neues mehr zu erzählen haben oder wo alles an der Oberfläche bleibt. Bei anderen braucht es eine Weile. Dafür begleiten sie einen für Jahrzehnte. Es gibt Songs, die sofort zünden. Und Platten, die erst beim fünften Hören ihre Größe entfalten. Das werden dann manchmal Lieblingsalben und manche höre ich seit 40 Jahren.

Teilnehmer von Best of Franken
"Best of Franken" Gewinner aus 2026


Vielleicht haben wir das Warten ein wenig verlernt. Vielleicht erwarten wir von allem, dass es sich sofort erklärt. Dass es möglichst eindeutig ist. Möglichst spektakulär. Der Silvaner verweigert sich dieser Logik erstaunlich konsequent. Und er entwickelt dabei noch einen zweiten, wichtigen Vorteil, und das ist einer der Gründe, weshalb Sommeliers ihn oft sehr mögen: In seiner Art lässt er den Speisen Platz. Sehr vielen Speisen und nicht nur dem ständig erwähnten Spargel.

Der Silvaner ist eine Rebsorte, die Herkunft zeigt und keine Fehler kaschiert. Er ist ein ehrlicher Wein. Ehrlichkeit ist allerdings selten das, was beim ersten Eindruck am stärksten auffällt. Vielleicht liegt darin auch das Schicksal dieser Rebsorte. Seit Jahrzehnten erzählen wir dieselbe Geschichte über den Silvaner. Er sei unterschätzt. Ein Geheimtipp. Ein Außenseiter. Vielleicht stimmt das längst nicht mehr. Vielleicht ist nur die Geschichte alt geworden und vielleicht war es schlicht ein Fehler, in Deutschland alles auf die eine weiße Leitrebsorte namens Riesling zu setzen, wo der Silvaner über die Jahrhunderte hinweg die prägendere Rebsorte war.

Weinberg in Franken
Eine der schönsten Weinregionen Deutschlands


Die besten Silvaner Deutschlands müssen sich jedenfalls weder hinter großen Rieslingen noch hinter weißen Burgundern verstecken. Doch nicht jede Qualität erschließt sich im ersten Moment. Manche Dinge brauchen Zeit. Gespräche. Freundschaften. Musik. Große Bücher. Große Weine. Vielleicht sollten wir uns nicht fragen, warum der Silvaner eher der ruhigere, leisere Typ ist. Sondern warum wir verlernt haben, leisen Dingen zuzuhören. Und manchmal merkt man erst, wie gut er eigentlich war, wenn man sich wundert, dass das letzte Glas schon leer und man die letzte Flasche bereits aus dem Keller geholt hat.



Ein Gastbeitrag von Christoph Raffelt (originalverkorkt.de)

Christoph schreibt seit 2007 über Wein. Zunächst und bis heute auf „Originalverkorkt – über flüssige und überflüssige Eskapaden“, seit 2010 auch für Magazine. Dazu gehören „Der Feinschmecker“, „Meiningers Weinwelt“ oder „Trink“. Zwischen 2012 und 2016 hat er fest für Hawesko und Tesdorpf gearbeitet, seit 2016 ist er selbständig, hat das Büro für Wein & Kommunikation gegründet, Veranstaltungen wie den „Riesling Swag“ aus der Taufe gehoben und mit „Originalverkorkt.de“ den ersten deutschsprachigen Weinpodcast lanciert.