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Zum Weinkenner in 30 Sekunden!

Wie überall auf der Welt und in allen Sach- und Themengebieten gibt es auch in der Weinwelt wirkliche Fachleute, richtige Weinkenner, und solche, die sich gerne dafür halten. Letztere überwiegen leider deutlich und bilden die klare Mehrheit

Veröffentlicht am 19. März 2018

Nicht jeder hat schließlich Zeit sich in Fachbücher zu vertiefen und seine grauen Zellen mit so aufreizenden wie arbeitsintensiven Themen, als da wären beispielsweise Canopeemanagement, Spontanvergärung, Fermented in Barrel oder ähnlichem sinnlos zu füllen. Die braucht man ja noch für die Lektüre der Bedienungsanleitung des neuen Mobiltelefons.


Hier Robert Parker bei der Verkostung

Aber für jeden, der gerne Wein genießt oder sich gar dafür ein wenig interessiert, sind diese »Experten« natürlich eine Hypothek. Wer kennt das nicht: man steht in einer Gruppe auf einer Verkostung oder noch besser auf einer Party und wird gefragt, wie einem der Wein im Glas denn nun gefalle. In einem vielleicht vom Alkohol beseelten Anflug von Ehrlichkeit antwortet man »nicht besonders«. Sofort tritt ein sonorer Tenor vor und spricht: »Wenn man diesen Wein nicht wenigstens 3 Mal in den letzten 5 Jahren verkostet und die Entwicklungsstadien eingehend studiert habe, dürfe zu diesem Gewächs überhaupt keine Aussage treffen.« Ruummmsss! Das sitzt erst einmal, und schon fühlt man sich klein, einsam und ausgeschlossen. Der nächste Tiefschlag lässt nicht lange auf sich warten: »Ich habe gerade vorgestern den 89er mit dem 95er vergleichen dürfen, ich muss schon sagen, das ist nochmals eine andere Liga.« Das ist dann vollends der verbale Knockout, taumelnd begibt man sich auf den Weg nach Hause.

 

Wer möchte also nicht Weinkenner sein, und das möglichst mit wenig Aufwand. Hier ist eine kleine Anleitung, wie man zum Weinkenner in nur 30 Sekunden avancieren kann, und mit ein wenig Übung vor dem Spiegel sollte die Performance überzeugend gelingen.

 

Man nehme gelassen ein Glas mit einem üblichen Probierschluck (es ist dabei egal ob weiß, rosé oder rot) gelassen entgegen, und deute schon durch seine konzentrierte Haltung an, dass man diesen Schluck nunmehr einer eingehenden, kritischen Prüfung unterziehen werde. Man nehme das Glas am Stil und schwenke es ausgiebig (Dilettanten outen sich durch einen Griff zum Kelch!). Dabei stellen Rechtshänder das linke Bein als „Spielbein“ leicht nach vorne, das Rechte bildet das Standbein. Linkshänder bitte genau entgegengesetzt verfahren! Ganz wichtig, die freie Hand ruht unbedingt in der Hosentasche, Männer sollten also nicht im Kilt auf einer Weinparty erscheinen. Dann erschnüffele man die ersten Eindrücke, dabei unbedingt die Stirn in Falten legen. Vorgang genauso wiederholen. Jetzt vorsichtig den ersten Schluck auf den Gaumen gleiten lassen, schlürfen und kauen. Bitte nicht vergessen, wieder die Stirn in Falten legen. Schluck ausspucken – ääh natürlich in einen Spucknapf- oder herunterschlucken. Vorgang genau so wiederholen. Danach einfach nickend den Kopf der Runde zuwenden und ein deutlich vernehmbares »Ja, ganz nett« von sich geben. Jetzt ist man auf der sicheren Seite, da kann nichts mehr anbrennen, bewundernde Blicke suchen einen heim. Und fortan ist man nicht mehr »wehrlos«. Denn auf fast jeder Verkostung spielen immer wieder sogenannte „Experten« das Spiel, »was hast Du probiert, ich habe probiert…. «. Und immer exotischer werden die Weine und immer älter die Jahrgänge, erst recht jene, die es auf dem Markt schon lange nicht mehr gibt, aber wer weiß das schon.

 

Aber In Wirklichkeit finden gerade Männer in diesem Spiel wieder zurück zu den Archetypen aus der Genese der Menschheit. Der Umschwung vom Jäger zum zunehmend zivilisierten Menschen ist die Geschichte der Entwicklung von Wissen und Erfahrung. Wo aber kein Wissen ist, mutiert der Mann wieder zum Jäger, der in diesem Fall Weine und Jahrgänge jagt und sie dann stolz als seine Jagdtrophäen zur Schau stellen muss:

»Also wer diesen 85er nicht wenigstens dreimal verkostet hat…«

Und davor soll man ernsthaft Angst haben? Merke: jeder, der umso mehr über Wein quatscht um andere zu beeindrucken, kocht letztlich doch nur mit Wasser. Hier zählt also nicht die Bewunderung für andere, sondern die eigene Erfahrung, auf die man sich verlassen sollte. Denn merke: das Herunterbeten eine Litanei von Jahrgängen, und sei sie noch so wohlklingend vorgetragen, sagt nichts über Kennerschaft und Weinwissen aus. Und gerade für diesen Punkt sollte man mit dieser kleinen Anleitung zum Weinkenner bestens gerüstet sein.