Die Wiedergeburt des Weinviertels
Österreichs Weinviertel hat eine tief verwurzelte Tradition mit dem Grünen Veltliner. Allerdings wurden die Weine über Jahrzehnte fast so spritzig-fruchtig stilisiert wie ein Spritzerwein, also eine Weinschorle. Herbert Zillinger kann man ein bisschen mit Asterix und Ebenthal am östlichen Rand des Weinviertels mit dem gallischen Dorf vergleichen. Nicht das ganze Weinviertel, sondern eine kleine Region arbeitet gegen diesen Trend, der zum Glück immer mehr zurückgeht. Primärfrucht adé! Mittlerweile gibt es ein paar Betriebe in der näheren Umgebung, die herausragende Weine aus Österreichs Rebsorte Nummer 1, dem "Grünen" machen. Es tut sich was, im Weinviertel!
Grüner Veltliner als Terroir-Botschafter
"Als Qualitätssorte mit geringen Erträgen ist der Grüne Veltliner für mich eine der hochwertigsten Rebsorten, die bei guter Handhabe mit den großen Weinen der Welt mithalten kann. Es ist ein Geschenk, mit dieser autochthonen Sorte zu arbeiten.", sagt Herbert Zillinger.
Zusammen mit seiner Frau Carmen bewirtschaftet er 12 Hektar. 75% der Weingärten sind mit Veltliner-Reben bepflanzt, außerdem widmen sich die Zillingers einer weiteren Tradition, dem Welschriesling. Auch diesem geben Sie Substanz, bzw. erlauben es den Reben sich die Substanz zu holen. Seit 2008 arbeiten die beiden biologisch. Seit 2012 ist der Betrieb organisch-biologisch zertifiziert, seit 2017 sind Carmen und Herbert Mitglieder der Gruppe Respekt-Biodyn, arbeiten also biodynamisch. Seitdem haben einige Prozesse bei den beiden, aber auch bei ihren Reben stattgefunden. Die Natur ist schließlich weit anpassungsfähiger als wir.
Natürlich mehr Aroma und Balance im Wein
Wenn die Pflanze ihre Kraft nicht mehr rein ins vegetative Wachstum steckt, diese also nicht mehr nur immer mehr Blätter erzeugt und sich ihrer Lianennatur in die Höhe schlängelt, sondern die Energie in die Trauben und Kerne steckt, entsteht eine andere Dimension von Wein. Denn neben der Schale sind es auch die Kerne, die dem Wein Geschmack und "Kernigkeit" geben. Konkreter gesagt, es ist der Kernsack und die Menge der Kerne. So erzeugen seine Trauben mehr Extrakt und weniger Zucker, also auch Alkohol. Analytisch beschrieben: die Säurewerte gehen nach oben, der PH Wert geht in den Keller. Und im Weinkeller ist damit auch nichts zu tun. Was jetzt sehr technisch klingt überzeugt sofort beim Probieren der Zillinger Weine. Sie sind vibrierend, weich, haben Trink- und Speichelfluss. Die Balance der Weine ist nicht nur dem Faktor Zeit zu verdanken.
In Herberts Worten klingt das so: "So kann man bereits geschmacklich völlig ausbalancierte Trauben ernten und logischerweise ebensolche Weine erwarten. Da die Moste und Weine ein deutlich höheres Redoxpotential aufweisen, sind sie nicht nur spannungsgeladener, sondern auch stabiler. Ich muss nichts schönen, nichts zusetzen, nichts entziehen und kann auch den Schwefeleinsatz minimieren."
Wie schafft man diese Umstellung der Reben? Man beginnt mit der Basis. Dem Boden. Ein lebendiger Boden ist die Grundlage für vitale Trauben und herausragende Weine. Zusammen mit seinen Weinbergschafen gönnt Herbert sich als kleine Auszeit gern mal kontrolliertes Nichtstun zur Entspannung. So wie auch seinen Weinen. Sie sollen das Terroir und den Jahrgang so pur und klar widerspiegeln, wie irgend möglich. Nichts wird zugesetzt, nichts weggenommen. Die Weine werden unfiltriert abgefüllt.
Weine, die den Horizont erweitern
Und so gibt es auch zwei Linien, die etwas experimentelleren Weine – Augenöffner – beschreiben die beiden als Freestyle. Die "erwachsene" Linie heißt New Classic. Hier ist die Visitenkarte, wie man immer so schön sagt, Zillingers Grüner Veltliner Horizont. Auch dieser Wein ist definitv eine Horizonterweiterung. Die berühmteste Weinkritikerin der Welt, Jancis Robinson ist Fan der Weine und bescheinigt "One of the most exciting Wine Producers anywhere!". Zu dem selbigen Wein schreibt Jancis Robinson: "When a wine comes together as beautifully as this one, it feels counterproductive to isolate it into its individual parts. A dry and vibrant Veltliner of balance and pure energy." Der Jahrgang 2023 zeigt eine reife, saftige Frucht und einen druckvollen Körper. Die Mineralität macht den Wein vibrierend, engmaschig und enorm lang. Hinterm Horizont geht es dann so richtig beeindruckend weiter. Kalkvogel kommt von einer puren Kalksandsteinlage. Diese uralten Kalk- und Sandschichten stammen vom Urmeer, das hier vor 12 Millionen Jahren lag. Die Böden sind karg, die Parzelle bringt eine rauchig mineralische Feinheit in die daraus entstandenen Weine. Da passiert im Glas richtig viel!
Am Ende entstehen Weine, die zu einhundert Prozent ihre Herkunft widerspiegeln: Den Boden, die Rebsorte, die klimatischen Gegebenheiten: 100% Weinviertel-Veltliner! Allerdings kann man verstehen, wenn man beim Kosten auf einen Chardonnay oder Savagnin aus dem Jury tippt oder einen Chenin Blanc von der Loire darin sieht. Denn es ist nicht die Vordergründige Fruchtigkeit, die die Weine in sich tragen. Es sind Saftigkeit, Eleganz und Salzigkeit, die prägen.
Im Zillinger Portfolio befinden sich auch Chardonnay, Sauvignon Blanc und Zweigelt, der auch zu einem erfrischend lebendigen Rosé namens Spring Break wird. Für Frühlingserwachen ist es schließlich nie zu spät! Die Freestyle Weine tragen Namen wie Popcorn. Hier ist die Reduktion, die der Wein in seiner Jugend zeigt, namensgebend. Es ist eine Cuvée die aus Weißburgunder, Grünen Veltliner, Welschriesling und Traminer besteht. Der leicht wolkige "Naturwein" bringt eine Textur mit, die so nur sogenannte Orangeweine haben, wenn man die Trauben mit etwas Schalenkontakt vergärt und den Saft nicht direkt abpresst. Die rauchige Note, die einem zuerst begegnet erinnert in der Tat an Popcorn, der Wein ist so unterhaltsam, wie ein entspannter Filmabend.
Tiefgründigkeit ans Licht bringen: Welschriesling macht's möglich
Nicht nur Veltliner ist eine Rebsorte, die Herkunft widerspiegelt. Auch die seltenere Rebsorte Welschriesling ist perfekt dafür geeignet. Auf einem Summit in Slowenien, dass sich den "vergessenen" Sorten der Monarchie Österreich-Ungarns widmete, befand David Schildknecht, langjähriger Kritiker bei Robert Parker, dass Zillingers auch dieser Sorte eine neue Dimension verleihen und einen Wösch, wie man in Österreich sagt, auf die Flasche bringen, der Tiefgang hat, nicht bloß vordergründig und kurzweilige Fruchtigkeit und Frische. Wegweisend für "Vielschichtigkeit und eine fein verwobene Textur" sind Carmen und Herbert Zillinger, so Schildknecht in einem Artikel für das Fachmagazin Vinaria.
Dies tun die beiden mit voller Leidenschaft, mit Carmens Worten klingt dies so: "Welschriesling ist nach wie vor die zweitwichtigste Rebsorte des Weinviertels und hat besonders im südlichen Weinviertel eine sehr lange Tradition. Leider hat das Image der Rebsorte in den letzten Jahrzehnten stark gelitten, da der Wein nur als "Junker" auf den Markt gebracht wurde." Ähnlich wie ein Beaujolais nouveau kommen auch in Österreich, kurz nach der Lese die ersten Weine unters durstige Volk. Allerdings sind diese viel zu oft viel zu quietschig. Herbert ergänzt: "Für uns ist es eine Rebsorte, die mit ihrer eher neutralen, weinigen Aromatik ganz viel Platz für Terroirausdruck lässt. Sie wird in ihrer Komplexität und Güte nicht an den Grünen Veltliner herankommen, kann aber trotzdem wunderbares Terroir in einer sehr charaktervollen Weise transportieren und kommt auch wunderbar mit heißen, trockenen Jahrgängen zurecht."
Die Welschriesling-Reben sind gute 50 Jahre alt, auch dieser Weingarten steht auf einem kalkreichen Boden. Die Parzelle ist allergings so klein, dass es selbst in guten Jahren nicht mehr als 1000 Flaschen gibt.



